https://www.faz.net/-gqz-8eryj

Opernpremiere in Oslo : Gesang ist kein Privileg des Menschen

Die Übermenschen steigen den Menschen aufs Dach: So hat sich Beethoven das Erhobenwerden nicht vorgestellt. Bild: Erik Berg

Die Oper „Elysium“ von Rolf Wallin, in Oslo uraufgeführt, wirft einen Blick in eine sonderbare Zukunft: Die letzten vierzig überlebenden Menschen auf der Erde müssen für ihre Cyborg-Nachfolger „Fidelio“ darbieten.

          3 Min.

          Der Chip im Arm ist ein alter Hut. Der Kybernetiker Kevin Warwick hatte sich das Teil bereits in den neunziger Jahren eingepflanzt und mit den eigenen Nerven verkoppelt. Inzwischen experimentieren die Selbstoptimierer des Menschen mit der Injektion genmanipulierter Proteine, der Nervenstimulation durch magnetische Felder oder der Übertragung von menschlichen Neuronenströmen auf externe Drohnen. Man kann es nachlesen in der aktuellen Ausgabe von „n“, dem Bordmagazin der Fluggesellschaft Norwegian.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          „Wir designen unsere Babys, medikamentieren unsere Stimmungen, erneuern unsere Organe, kaufen unsere Haut, unser Haar, unsere Zähne, kommunizieren in Gigabytes“ – das steht nicht in dem erwähnten Artikel, sondern im Libretto, das Mark Ravenhill für den norwegischen Komponisten Rolf Wallin verfasst hat. Es sind die Worte einer Frau, die keine Frau im üblichen Sinne mehr ist. Es handelt sich um einen Cyborg, einen kybernetisch überformten Organismus, ein transhumanes Wesen.

          Auf der Erde leben nur noch vierzig Menschen

          „Elysium“ heißt das neue Musiktheaterstück, jetzt uraufgeführt an Norwegischen Nationaloper Oslo. Es spielt in der Zukunft, auf der Erde leben nur noch vierzig Menschen. Diese Schwundpopulation wird von den Transhumanen auf einer Insel im Reservat gehalten, als Erinnerungsstück. Einmal im Jahr müssen die Menschen für ihre Nachfolger eine Aufführung von Ludwig van Beethovens Oper „Fidelio“ singen, weil die Cyborgs sich so gern rühren lassen vom Hohelied auf die „Gattenliebe“ und die „Humanität“.

          Die Restmenschen bleiben unterdes, was sie sind und waren: Mängelwesen, die an Krebs erkranken können, Streit vom Zaun brechen und einander Gewalt antun. Während die Cyborg-Frau wie weiland Hans Christian Andersens Meerweibchen einmal Mensch sein will, bereitet Coraig, der Anführer der Transhumanen (auch bei ihnen gibt es noch Hierarchien), die nächste Revolution vor: Die körperliche Vereinzelung soll aufgehoben werden. Die Menschen müssen sich entscheiden: Entweder sie lassen sich töten, oder sie werden selbst Transhumane.

          Nach „Peer Gynt“ von Jüri Reinvere ist „Elysium“ bereits die zweite Uraufführung unter der Intendanz von Per Boye Hansen, die sich mit der Zukunft des Humanen befasst. Hatte Reinvere die Zerstörung einer verantwortlichen Subjektivität durch eine enthemmte Ökonomie beschrieben, aber am Ende die Möglichkeit von Gnade und Umkehr offengelassen, so geht es bei Wallin um die geradezu mitleidlose Musealisierung des Menschlichen. Seine These genießt die Provokation: Vollendet sich das Emanzipationsprojekt des Menschen nicht erst im Übergang zum Transhumanen?

          Wenn die Transhumanen singen

          Man kann es als tröstlich empfinden, dass in dieser Oper nicht nur die Menschen auf der fliegenden Untertasse ihrer Insel singen, sondern sogar die Transhumanen. Eli Kristin Hanssveen als Cyborg-Frau lässt die Koloraturen glitzern wie Zerbinetta, wo Richard Strauss sie einst das Vergnügen der Polygamie besingen ließ. Auch Nils Harald Sdal als Coraig preist die transhumane Zukunft mit dem charismatischen Glanz eines Lohengrin-Tenors. Doch schon fragt man sich: Was soll damit gesagt werden? Ist Musik kein Privileg der Humanität?

          Wallin lässt die Oper im Sprechdialog beginnen zwischen dem Kind (Aksel Johannes Skramstad Rykkvin, der sich später als überragender, abenteuerlich sicherer Knabensopran erweist) und seiner Mutter (der hingebungsvoll lyrischen Lina Johnson). Dieser Wechsel zwischen Singen und Sprechen setzt sich fort, ohne dass darin eine Systematik zu erkennen wäre. Passt sich Wallin nur bequem an ein Publikum an, das heute lieber ins Sprechtheater geht als in die Oper?

          Die Transhumanen verhalten sich in der klar erzählenden Inszenierung von David Pountney wie Menschen. Einzig erstaunlich sind die herrlichen Anzüge, die der Ausstatter Leslie Travers für sie entworfen hat: Im Dunkeln leuchten ihre Datenkabel wie Blutbahnen und Nerven in Modellen vom gläsernen Menschen. Gesichter erkennt man nicht Wallin, seit jeher ein Virtuose schnittiger Eleganz, geht auch in „Elysium“ geschickt mit dem Orchester um, das Baldur Brönnimann entschieden und sängerfreundlich leitet.

          Wie ein halbverwester Fisch

          Teilungen zwischen einem Bereich mit Streichern, Harfe und Holzbläsern einerseits und Schlagzeug mit Blechbläsern andererseits schaffen klare Kontraste. Die Streicherakkorde glänzen wie das polierte Karosserieblech eines Bugatti-Sportwagens; Schlagzeugattacken, besonders bei der Schlussansprache des großartigen Basses Ketil Hugaas als letztem Menschen, machen Effekt. Aber Empathie mit den Figuren stellt die Musik nirgends her. Wenn Hege Høisæter als krebskranke Frau gleich am Anfang des Quartetts „Mir ist so wunderbar“ aus „Fidelio“ zusammenbricht, hat Beethovens Musik keine Gelegenheit, ihre Wärme und Innigkeit zu entfalten. Wallin lässt die Beethoven-Zitate durchs Geschehen schwimmen wie einen halbverwesten Fisch durch ein schmutziges Aquarium.

          Thesenhaft ist dieses Stück, auf Typen und Prinzipien jenseits echter Individualität reduziert. Für den Übergang ins Transhumane hält es mehr Argumente parat als für die Verteidigung des Humanen. Der letzte Mensch, ein Mann, ist kein Sympathieträger, eher ein verbohrter Gewalttäter. Als sein Wesenskern bleibt die Entschlossenheit zum Tode übrig, die allerdings nicht gelassen akzeptiert, dass Sinn durch Zeit entsteht und Bedeutung aus Endlichkeit erwächst. Nein, diese Entschlossenheit zum Tode ist nur die martialische Selbstmordbereitschaft eines Fundamentalisten der Humanität. Ravenhill und Wallin werden dadurch schnell fertig mit dem Menschen. Das knallt, aber was folgt daraus?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vor der Bürgerschaftswahl : Warum Hamburg anders wählt

          Am Sonntag wählen die Hamburger eine neue Bürgerschaft. Was wünschen sie sich von der Politik für ihre Stadt? Ein Blick auf den Durchschnittshamburger gibt Antworten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.