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Neue Oper von Sciarrino : Der Koch macht sich einen Kopf

  • -Aktualisiert am

Nach dem Krieg und vor dem Essen Händewaschen nicht vergessen: Agamennone (Otto Katzameier, Mitte) und das Ensemble in Klagenfurt. Bild: Karlheinz Fessl

In Kärnten wurde „Il canto s’attrista, perché?“, die neue Oper von Salvatore Sciarrino, uraufgeführt. Die Musik setzt auf Psychologie statt auf Gewalt, die Regie aber nicht.

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          Tantalos, der unendlich reiche, arrogante und prahlerische Halbgott, stellte einst die Allwissenheit der Götter auf die Probe und servierte bei einem Festmahl seinen olympischen Gästen den eigenen, zu Gulasch verarbeiteten jüngsten Sohn. Die Götter erkannten den Frevel, erweckten den Knaben zu neuem Leben, verbannten Tantalos zur Strafe in den Tartaros und verfluchten die gesamte Tantaliden-Sippe, die für Generationen in Gewalt und Verbrechen versinken sollte. Brudermord, Familien-Kannibalismus und Vergewaltigung der eigenen Tochter sind dabei nur einige Elemente einer beispiellosen Chronique scandaleuse. Dann gibt es auch noch Agamemnon, der für eine gute Überfahrt nach Troja seine älteste Tochter Iphigenie opferte, was Ehefrau Klytaimnestra ihm nicht verzieh, weshalb sie sich gemeinsam mit ihrem Liebhaber Aigisthos gegen den König verschwor.

          Trotz oder wegen dieser Brutalität gehen von den archaischen Geschichten Schrecken und Faszination aus. In der gesamten Weltliteratur gibt es kein zweites Geschlecht, das auch nur annähernd die Phantasie von Musikern derart beflügelte wie das der Tantaliden, ob Christoph Willibald Glucks „Iphigénie en Tauride“ oder Richard Strauss’ „Elektra“, um nur die zwei bekanntesten Titel aus der Opernliteratur zu nennen.

          Der Gesang wird traurig, warum?

          Die kaum zu überblickende Rezeptionsgeschichte des mythologischen Stoffes ist nun um ein Kapitel reicher. Das Stadttheater Klagenfurt konnte mitten im dritten Lockdown vor Medienvertretern die schon für März 2020 angesetzte Uraufführung von Salvatore Sciarrinos neuer Oper „Il canto s’attrista, perché?“ umsetzen. Für das neue Werk müsste man streng genommen die Familiengeschichte nicht zwingend kennen, denn wie der abstrakte Titel schon andeutet – „Der Gesang wird traurig, warum?“ –, geht es dem dreiundsiebzigjährigen Komponisten nicht um spektakuläre Horrorbilder, sondern um die Erinnerung an vorausgegangene Untaten und die Motivation, die aus Tätern Opfer und aus Opfern Täter macht.

          Das italienische Libretto, das Sciarrino selbst auf Basis des ersten Teils von Aischylos’ „Orestie“ verfasste, ist von der Handlung her denkbar lakonisch gestaltet und spannt den Bogen von der unmittelbaren Ankunft des siegreichen Agamennone aus dem Trojanischen Krieg bis zur seiner Ermordung durch Clitemestra wenig später. Viel wichtiger sind daher die reflektierenden Monologe einzelner Personen oder deren Zwiegespräche mit dem das Geschehen kommentierenden und über Lautsprecher übertragenen numinosen Chor, der unnötigerweise durch ein vierköpfiges Spiel-Ensemble permanent auf der Bühne präsent sein muss. Diese Szenen ermöglichen Sciarrino, mit einem psychologischen Ohr die unterschiedlichen Aggregatzustände der menschlichen Seele zu ergründen.

          Die Musik bleibt leise auch im Grauen

          Der dramaturgisch stärkste Moment ist die Szene der versklavten trojanischen Prinzessin Cassandra, der Seherin, die alles weiß und der niemand glaubt. „Du hast mich in ein Haus gebracht, das den Göttern verhasst ist, das Gemetzel gesehen hat, abgerissene Köpfe: ein Schlachthaus“, erzählt sie dem Chor, „diese Kinder, die weinen, während sie geschlachtet werden, deren gekochtes Fleisch bei Tisch serviert wird, und der Vater verschlingt sie!“ Solche Textzeilen laden zu eruptiven Ausbrüchen ein, doch auch hier bleibt Sciarrino in seiner ihm eigenen Sprache, die keine aufwendigen Konstruktionsprinzipien oder serielle Kompositionsverfahren, ja nicht einmal Melodie, Rhythmus und Harmonik kennt, sondern nahe am Text bleibt und aus Neugierde an immer feineren Möglichkeiten der Klangerzeugung im Piano und Pianissimo verharrt.

          Doch Sciarrino und der britische Regisseur und Ausstatter Nigel Lowery ringen miteinander und geraten je länger der Abend dauert immer mehr in Frontstellung zueinander. Lassen sich im ersten Teil durchaus eine Personenregie und interpretatorische Überlegungen erkennen, die mit der Intention des Komponisten übereinstimmen – das fensterlose, schwarze Haus, das nur einen Eingang kennt und gleichsam für den Mund eines Menschen steht, das stilisierte Zittern der rechten Hand, das mit den Tremoli in den Streichern korrespondiert –, mit der großen Szene der Cassandra schlägt die Bildsprache radikal um. Vorproduziertes Videomaterial übernimmt die Oberhand, die Sänger hingegen werden zu Deklamationsmaschinen degradiert.

          Die Videos zeigen das Innere des Hauses, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Tantaliden zu kreisendem Entsetzen amalgamiert werden. Man sieht gnomartige Wesen, angelehnt an Gemälde von Otto Dix und George Grosz. Ein Koch dringt mit Macheten in die abgetrennten Köpfe der deformierten Menschen ein, abgetrennte Gliedmaßen köcheln auf einem Herd. Überall sieht man Leichen und literweise an den Wänden verschmiertes Blut. Diese Ästhetik mag zwar naheliegen, in Verbindung mit Sciarrinos Musik überzeugt sie allerdings nicht.

          Abgelenkt von diesem überdrehten Gewaltporno hat man Mühe, seine Aufmerksamkeit auf das wirklich phantastische Sängerensemble zu richten, allen voran die jugendlich-klangschöne Koloratursopranistin Rinnat Moriah als Cassandra und mit ausdrucksstarker Wärme besonders in der tiefen Lage die Mezzosopranistin Iris van Wijnen als Clitemestra, die beide am meisten in dieser neunzigminütigen Oper zu singen haben. Aber auch das Kärntner Sinfonieorchester, das zeitgenössische Musik nicht im Kernrepertoire hat, lief unter der Leitung von Tim Anderson zur Höchstform auf. Ein spannender Abend, bei dem Komponist und Regisseur nur keinen gemeinsamen Zugang finden. Für die Übertragung am 23. Februar um 19.30 Uhr auf dem österreichischen Radiosender Ö1 ist das kein Problem. Ob die koproduzierende Oper in Wuppertal Sciarrinos neues Werk im Oktober bringt, wird sich hingegen noch zeigen.

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