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Oper „Wahnfried“ in Karlsruhe : Wo alle Helden scheitern

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„Im Orchesterraume nicht zu prädulieren“, so steht es auf dem Schild hinter dem feuerspuckenden Drachen. Das Stück hält sich daran und fackelt nicht lange. Hier mit Matthias Wohlbrecht (r. Houston Stewart Chamberlain) und Armin Kolarczyk (Wagnerdämon). Bild: dpa

Karlsruhe wagt sich an die Uraufführung von Avner Dormans Bayreuth-Oper „Wahnfried“. Sie hat etwas von höherem Kasperletheater. Als Umgang mit einer Schreckensgeschichte nicht die schlechteste Wahl.

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          Bei dem Wiener Satiriker Karl Kraus heißt es: „Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit.“ Wohl keine Familie aber hat für die deutsche Geschichte in einem Amalgam von Privatem, Ökonomischem und Politischem eine so durchdringende Rolle gespielt wie die des Komponisten Richard Wagner. Was als musikdramatisches Reformkonzept begann, wurde zu einer Triebkraft des NS-Verhängnisses, Bayreuth galt als Zentrum der völkischen Bewegung. Die ästhetische Polarität ist historisch, doch die ideologischen Narben bleiben, Zeugnisse fataler Zerreißprozesse.

          Zum Beispiel: das Schicksal des Dirigenten Hermann Levi. Der Rabbiner-Sohn setzte sich als Karlsruher Hofkapellmeister energisch für Johannes Brahms ein, wurde dem dann abtrünnig, lief zu Wagner über und leitete als Münchner Opernchef die Bayreuther „Parsifal“-Uraufführung, obwohl Wagner ihm bescheinigte, als Jude könne er ein solch „christliches“ Werk nicht wirklich verstehen. Levi war eine überaus noble Figur. Es ist weit mehr als nur angemessen, ja überfällig, dass seit diesem Wochenende der Platz vor dem Badischen Staatstheater in Karlsruhe seinen Namen trägt. Die Einweihung fand statt als Vorspiel zur Uraufführung der Oper „Wahnfried“ von Avner Dorman, nach einem Libretto von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, inszeniert von Keith Warner.

          Satirischer Blick aufs Lächerliche im Erhabenen

          Eine andere, entschieden fatale Rolle spielte ein Verräter eigener Art: Houston Stewart Chamberlain, Sohn eines britischen Admirals, geriet in Wagners Bann, heiratete dessen Tochter Eva und mutierte zum fanatischen Deutschtümler und Antisemiten. Wilhelm II., erst recht Hitler schworen auf ihn, und Chamberlain wurde, groteske Mixtur aus Bildung und Verblendung, heroischer Pose und Kränkeln, zum Hof-Ideologen Bayreuths wie auch der deutschen Rechten. Für Dorman avanciert Chamberlain zur Hauptfigur der neuen Oper. Das Stück thematisiert die Clan-Wirrsal zwischen Privatem und Politischem, dunkelbraunem Gebräu und hehrer Kunstallüre, wirft den satirischen Blick aufs überaus Lächerliche im Erhabenen, mündend in die Apokalypse. Und im Unterschied etwa zu Wolfgang Rihms Oper „Dionysos“, erst recht zu „Cosima“ von Siegfried Matthus spielen die Bayreuth-Domina Cosima und der ihr verfallene Friedrich Nietzsche in dieser Wahnfried-Oper keine tragende Rolle.

          Vielleicht war es richtig, den Komplex nicht zu überfrachten. Der weltfremd-schwächliche Schmetterlingsjäger Chamberlain wird zunehmend vom „Willen zur Macht“ befallen, biedert sich ans Deutsche an, nistet sich in der Wagner-Familie ein als Wortführer, Tribun des alldeutschen Wagner-Kultes, fühlt sich gleich einem anderen, sehr viel unheilvolleren Wagner-Jünger zum Retter vor jüdischer Allmacht berufen, endet im Größendelirium. Konterkariert wird das freilich ausgerechnet durch den zynischen „Wagnerdämon“: „Wusstest du nicht, dass alle meine Helden scheitern?“

          Schmetterlings-Idylle geht in grotesk grelle Karikatur über

          Stumm steht der reale Wagner im Festspielhaus, oder er wird als Leiche vorbeigefahren. Der Wagnerdämon indes ist der leibhaftige Geist der Zerstörung: ein mephistophelisch-sadistischer Drahtzieher, Wiedergänger des maskenbleckenden Jokers aus den „Batman“-Filmen. Und das Panoptikum füllt sich perfekt: Herrin Cosima, der Frauenzwist, die mantramäßig sich steigernden Beschwörungen von Ariertum, der Anarchist Bakunin, „Majestät“ als Gönner Chamberlains, Passanten, die sich mokieren über den „Spinner“. Der Wagnerianer-Chor wächst ins Exzentrische, der Heldenkult mündet in den Leichenbergen von Verdun. Und aus einem Nürnberger Fachwerkhaus tritt „Meisterjünger“ Hitler alias Chaplins großer Diktator heraus und ergreift die Herrschaft.

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