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Uraufführung der Oper „Lot“ : Vom Wahnsinn weltweiter Flucht

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In schlimmen Zeiten können auch gute Menschen böse werden: Lot (Brian Davis) flieht mit seinen Töchtern aus Sodom. Bild: Jörg Landsberg

Ein beklemmendes Traumspiel und verstörendes Experiment: Giorgio Battistellis aktuelle Musiktheater-Parabel „Lot“ wurde in Hannover exzellent uraufgeführt.

          3 Min.

          Gott spricht aus einem Kind. Es ist ein afrikanisches Kind. Es trägt ein Baströckchen, steht inmitten kleiner Püppchen und Modellfiguren und versucht, aus einer weichen Masse eine Figur zu kneten. Da das misslingt, schleudert es das amorphe Gebilde zornig zu Boden. Dann steckt es Zeichnungen – offenbar unterschiedliche Modelle von Menschen – in einen Mülleimer. Dann wendet sich dieser launische Kindgott an Abraham: „Ich will dich fruchtbar machen. Es werden Völker aus dir kommen.“ Abrahams Frau Sara lauscht: „Soll denn mein Hundertjähriger mit mir ins Bett gehen? Das wird vielleicht ein Spaß.“

          Die zunächst scheinbar ins Scherzhafte gelenkte Episode aus der Genesis ist der Auftakt einer düsteren, oft bitter vexatorischen dreiaktigen Oper des italienischen Komponisten Giorgio Battistelli: „Lot“ – geschrieben auf ein Libretto der deutschen Schriftstellerin Jenny Erpenbeck, in Auftrag gegeben von der Staatsoper Hannover. Lot ist der Protagonist einer Erzählung vom göttlichen Gericht über die Stadt Sodom (Genesis, Kapitel 19), die als Pfuhl der Sünde zerstört werden soll. In einer wiederum ins Parodistische gewendeten Szene feilscht Abraham mit dem mut- oder böswilligen Gott um das Leben der Gerechten: darunter seines Neffen Lot und seiner Familie.

          Die zwei Engel, die Gott nach Sodom entsendet, verschlägt es im ersten Akt in eine Lebensrealität, wie sie von Erpenbeck in ihrem kühl-reflektierten Roman „Gehen, ging, gegangen“ (F.A.Z. vom 16.September 2015) geschildert worden ist. Exotisch nach Erscheinung und Kleidung, gelangen sie in eine fremdenfeindliche Wutbürgerwelt, deren roh-rüde Sprache des Hasses – „fickt die Fremden“, „auf den Müll mit den Kadavern“ – den Text der Genesis auf makabre Weise up to date bringt. Lots Bereitschaft, für die heilige Gastfreundschaft seine jungfräulichen Töchter zu opfern, wird in der Oper zur Chiffre für die brennende Aktualität archaisch-religiöser Regeln. Dabei läuft das im Tonfall lapidare Libretto nie Gefahr, sich auf den Weg eines moralisierenden Lehrstücks zu begeben.

          Der zweite Akt hat anfangs den Charakter eines dramatischen Oratoriums. Die beiden Engel kündigen den Untergang Sodoms an. In durchgängig senza misura deklamierten Dialogen streiten die Frau und die Töchter mit Lot über dessen Gottesfurcht, die grausames Unrecht zur Folge hat. Für diese dialogischen Abschnitte nimmt Battistelli das Orchester dergestalt zurück, dass jedes Wort der durchweg syllabisch deklamierten Texte deutlich zu verstehen ist. Für Affektmomente wählt er hingegen expressiv hochfahrende Gesten, für den Untergang Sodoms bruitistisch aufgetürmte Klangfiguren, mit fein geäderten instrumentalen Linien.

          Im dritten Akt ist Lots Frau nicht, wie in der Genesis, zur Salzsäule erstarrt, sondern in die Ungewissheit der zerstörten Stadt zurückgekehrt. Lot und seine Töchter dagegen leben in den Wüsteneien einer Welt, in die sich aus einem Müllschlucker all die Menschenmodelle, die das Gottkind im ersten Akt zerknüllt hatte, ergießen. In einem langen Arioso fasst die erste Tochter eine Prüfung des Vaters ins Auge: die seiner Aufrichtigkeit, seiner Gerechtigkeit, seiner moralischen Standfestigkeit. Wie wenig Verlass darauf ist, deutet sich sogleich an, wenn sie Kleid und Slip auszieht – wenig später wird sie, mit Deflorationsflecken auf dem Unterrock, feststellen müssen: „Auch einer, der von Gott geliebt und auserwählt war, kann zu böser Zeit ein böser Mensch sein.“

          Oder er kann, wie Lot selbst es sagt, in Abwesenheit seines Gottes zum Tier und zum Teufel werden und auch die zweite Tochter vergewaltigen. Im Schlussbild – Epilog – ist die Bühne von Lots Nachfahren bevölkert. Abraham und Sara führen einen Buben von etwa acht Jahren herbei – Isaak, der von der Rampe ins Dunkel der Zukunft blickt.

          Battistelli ist ein im Sinne der klassischen Hypotyposis um Verdeutlichung des dramatischen Geschehens bemühter Musikdramatiker. Nach der Transposition von Federico Fellinis Film „Die Orchesterprobe“ und dem Welterfolg von „Experimentum Mundi“ (einem Werk mit „musique concrète“ von Handwerksgeräuschen); nach zwei vielbeachteten Literatur-Opern („Der Herbst des Patriarchen“, nach Gabriel García Márquez), und „Auf den Marmorklippen“, nach Ernst Jünger) ist dem vierundsechzigjährigen Battistelli mit „Lot“ eine höchst aktuelle musikdramatische Parabel über den realen Wahnsinn von Zerstörung und Flucht gelungen. Das „Lot“-Orchester ist riesig besetzt: Neben Streichern, Holz- und Blechbläsern gibt es drei Perkussions-Gruppen, darunter Marimba, Tam-Tan, Bongos, Gran Cassa, Vibraphon, Tomtom, und Geräuscherzeuger – und sie alle agieren im Dienste einer szenographischen Musik. Es sei ihm wichtig, erklärt Battistelli im exzellenten Programmheft, dass seine Musik expressiv sei: Ich bin überzeugt davon, dass moderne Musik der menschlichen und nicht der technischen Erfahrung angehören muss.“

          Der Regisseur Frank Hilbrich hat die vielschichtige Parabel als ein beklemmendes Traumspiel und verstörendes Experiment inszeniert. Mit dem durch etliche Gäste ergänzten Niedersächsischen Staatsorchester gelingt dem Dirigenten Mark Rohde eine fesselnde, vom Publikum stark akklamierte Aufführung. Im Mittelpunkt des ausgezeichneten Ensembles stehen der Bariton Brian Davis als Lot, Khatuna Mikaberidze als Frau und, herausragend, Dorothea Maria Marx in der stimmlich anspruchsvollen Partie der ersten Tochter.

          Franz Mazura wäre ein Sänger für einen Mythos-Theoretiker wie Thomas Mann: Er verkörpert, inzwischen 93 Jahre alt, den Abraham mit ungebrochener Bühnenpräsenz. Jubel für ihn wie für Renate Behle, eine Ikone der Oper Hannover, als Sara.

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