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Theaterstücke über den Freitod : Untröstlich über das Leben

Paula Watson und Pablo Chemor Nieto in „Der Wilde“ nach dem Roman von Guillermo Arriaga in Köln. Bild: Krafft Angerer

Gewichtiges Thema in schweren Zeiten: Zwei Stücke über den Suizid und die Verzweiflung zum Tode auf den Theaterbühnen in Köln und Hannover.

          4 Min.

          Drei Stühle, auf denen niemand sitzt, eine aufgeklappte Leiter und ein Seil, das von der Decke hängt – ansonsten ist der Raum leer. Plötzlich tippelt eine Menschengruppe auf die Bühne. Sie fragt flüsternd: „Was ist passiert?“ Dann ertönt der Satz, der den Theaterabend bestimmen wird: „Es tut mir leid.“

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Die Gegenstände sind Symbole des Unaussprechlichen, denn die Szene zeigt den Moment nach dem Suizid der britischen Hausfrau Carol und die Trauer, die darauf folgt. Viele deutsche Theater setzen sich momentan mit dem düsteren Thema der Selbsttötung auseinander und zeigen Stücke, die nach Antworten suchen auf die Frage, was Menschen in den Freitod treibt.

          Wohl am eindringlichsten sind die Inszenierungen zweier Romane am Staatsschauspiel Hannover und am Schauspiel Köln. In der niedersächsischen Landeshauptstadt werden in ,„Anatomy of a suicide“ von Alice Birch, adaptiert von Lilja Rupprecht, die Leben von Carol, ihrer Tochter und Enkelin seziert. Im Rheinland zeigt man mit „Der Wilde“ von Guillermo Arriaga, inszeniert von David Gaitán, wie der Tod in einer mexikanischen Familie verarbeitet wird. Während ersteres den Selbstmord erklären will, zelebriert das zweite Stück die Freundschaft.

          Das Leben ist ihr eine Last

          In Hannover sitzt Carol auf dem Stuhl und raucht. Eigentlich hat sie alles. Ein schönes Haus, einen freundlichen Mann, eine Tochter. Doch das Leben ist ihr eine Last, sie will ausbrechen. Lilja Rupprecht erzählt die Lebensgeschichte dreier Frauen, Carol, Anna und Bonnie, die mit den Konventionen ihrer Zeit zu kämpfen haben. Während Carol, gespielt von Sabine Orléans, an einer Depression erkrankt ist, muss Anna mit dem Verlust ihrer Mutter umgehen. Drogen sind ihr Ausweg. Ihre Tochter Bonnie muss dann sowohl den Tod ihrer Mutter als auch den ihrer Großmutter verkraften. „Niemand hat es je so bedauert am Leben zu sein“, sagen die Töchter über Carol.

          Carol ist eine unfreiwillige Hausfrau, musste ihre Träume wegen ihres Mannes begraben. „Dieses Haus steht seit sechzehn Jahren in Flammen“, sagt sie mit starrem Blick. Ruprecht inszeniert Birchs Roman als dramatische Rückblende. Die Leben der drei werden auf der Bühne gezeigt, mit all den Enttäuschungen, die ihnen Schulkameraden, Männer und die Gesellschaft zugefügt haben, aber auch mit den Versuchen, die Depression zu überwinden, beispielsweise durch Psychotherapie und Medikamente.

          Anna, dargestellt von Amelle Schwerk, nimmt der Tod ihrer Mutter mit. Mit dem Vater kann sie nichts mehr anfangen. Bonnie hingegen, gespielt von Caroline Junghanns, ist die eindrücklichste Figur. Strenger Kurzhaarschnitt, bestimmter Blick: Sie will sich nicht mit den Verhältnissen abfinden. Bonnie sucht nach Autonomie und studiert Medizin, arbeitet als Ärztin. „Ich will die Linie nicht fortsetzen“, sagt sie. Am Ende wird sie die radikalste Entscheidung treffen.

          Doch bei allem Leid zeigt Rupprecht auch die glücklichen Momente im Leben der Familie, wenn Carol beispielsweise mit Anna im Kinderwagen durch den Garten fährt. Sie schaut hoffnungsvoll und sagt mit leiser Stimme: „Lebe dein Leben groß. Solang du kannst“, und spaziert mit einem Lächeln weiter. Doch einen Ausweg gibt es nicht. Birchs Roman ist kein optimistischer Text.

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