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Experimentalmusik in Kiew : Freie Klänge für die Totenruhe

  • -Aktualisiert am

Im Waldesdickicht aus Licht und Experimentalklang: Maxim Kolomiiets und Dmytro Radzetskyi im Kiewer Studio. Bild: Oleksandr Tanskyi

Ukrainische Avantgardemusiker veranstalten ein Online-Konzert, um der Kriegstoten zu gedenken. Russland verbietet derweil Kulturveranstaltungen von Kriegsgegnern und will die Ukraine aus Schulbüchern tilgen.

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          Am vergangenen Freitag, der nach dem orthodoxen Kalender der Karfreitag war, luden der ukrainische Komponist Maxim Kolomiiets und der Gitarrenvirtuose Dmytro Radzetskyi zu einem Konzert ins Dovzhenko-Zentrum in Kiew. Es war eine Onlineveranstaltung, der man sich per Facebook zuschalten konnte, die beiden Musiker wollten mit einer Improvisationssession ihre Kunst reanimieren und Geld für Zunftkollegen sammeln. Kolomiiets, der nach dem russischen Überfall in Kiew blieb und als Freiwilliger der Armee half, erklärt beim Videotelefonat, auch die Musik könne helfen, die Schrecken des Krieges zu überwinden, indem sie Angst und Verzweiflung therapiere und innerer Entleerung entgegenwirke. Radzetskyi, der Schöpfer der acht- beziehungsweise zehnsaitigen MIDI-Radz-Gitarre, sagt, das Instrument sei in dieser Zeit für ihn Waffe und Medizin zugleich gewesen. In Kiew habe sich der Alltag fast wieder normalisiert, so Kolomiiets, es fehle nur noch die Kultur.

          Bei der Publikumsbegrüßung merkt der Komponist an, Radzetskyi und er seien als KoRa-Duo erstmals im nahe Kiew gelegenen Butscha aufgetreten, das jetzt zum Synonym des Massakers wurde, das russische Besatzungstruppen dort an Zivilisten anrichteten. Sie musizierten daher für die Totenruhe, erklärt Kolomiiets, aber auch für das Leben, das weitergehen müsse. Die Performer traktieren Synthesizer, E-Gitarren, diverses Schlagwerk so­wie ein Radio. Dräuend hallende Me­tallschläge wechseln ab mit elektronischen Glockentönen. Auf der Studiowand erscheint das Lichtgemälde einer Großstadt, das sich in ein Dschungeldickicht verwandelt und dann in herabregnende Tränenbäche. Militant ratternde Attacken vermischen sich mit Sirenen-Ostinati und Stimmfetzen, aus denen man das ukrainische Wort für „Tod“ (Smert) heraushört. Auf der Videowand senken sich Riesenhände in den Waldboden und bergen dunkle Dinge.

          Diese experimentalmusikalische Traumatherapie steht in größtem Gegensatz zur Verdrängungsstrategie beim Aggressor Russland. In der Moskauer Innenstadt warteten am gestrigen Sonntag Gefangenentransporter, um Demonstranten gegen den Krieg in Gewahrsam zu nehmen beziehungsweise abzuschrecken. Konzerte der Rockbands Zeitmaschine und DDT wurden landesweit abgesagt, weil ihre Frontmänner Andrej Makarewitsch und Juri Schewtschuk sich gegen den Krieg ausgesprochen hatten. In Moskau wurden Theaterstücke mit der Schauspielerin und Kriegsgegnerin Julia Aug abgesetzt. Eines Orwells würdig ist die Schulbuchsäuberung, die der Lehrmittelverlag „Aufklärung“ (Prosweschtschenie) vornimmt. In den Texten, so die Vorgabe der Verlagsleitung, sollen die Ukraine und Kiew, das als „Mutter der russischen Städte“ gilt, fortan so selten wie möglich vorkommen.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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