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100 Jahre Schnitzlers „Reigen“ : Sehr lebendige kleine Tode

  • -Aktualisiert am

„Reigen“-Aufführung 2001 im Hamburger Schauspielhaus Bild: dpa

Überstunden in Sachen Erotik: Vor genau hundert Jahren erlebte mit Arthur Schnitzlers „Reigen“ ein Drama seine Uraufführung, das bald als Skandalstück verschrien war.

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          „Rede nicht so märchenhaft blöd!“, befiehlt die Schauspielerin dem Dichter in Arthur Schnitzlers Theaterstück „Reigen“, und sie meint damit: Hör endlich auf zu reden, und lass uns zur Sache kommen. Und das passiert dann auch ein paar Repliken später und wird kenntlich gemacht durch: Gedankenstriche. Diese, in der Dramengeschichte vielleicht bekanntesten Gedankenstriche, die den Sexualakt textuell verkörpern, kommen in Schnitzlers Stück, das aus zehn Dialogen besteht, neunmal vor. Wir begegnen in diesem „reizenden Werk“ (Alfred Kerr) zehn Paaren, die sich wie in der Tanzform eines Reigens von Szene zu Szene, einen Partner austauschend, einen neuen empfangend, die Hand reichen und dabei qua Personage die soziale Leiter hochsteigen – es beginnt mit der Dirne und dem Soldaten, es endet mit der Dirne und dem Grafen. Sie reden miteinander – vor dem Geschlechtsakt und danach. Nur in der letzten Szene schläft das Paar nicht miteinander, es wird hier zwar der Kreislauf der Personage geschlossen, aber nicht von vorne begonnen – eher wirkt es, als stürbe sowohl Sexualakt als auch Sprechakt gegen Ende hin ab.

          Heute vor genau hundert Jahren, am 23.12.1920 erlebte dieses „Skandalstück“, das eine schwierige Geburt hatte und dem eine ebenso große wie missverstandene Rezeption bevorstehen sollte, seine Uraufführung am Kleinen Schauspielhaus Berlin. Geschrieben hatte es Schnitzler allerdings schon 1896/97, aus einer Laune heraus, gar nicht mit dem Ziel, das Stück auf eine Bühne zu bringen, wie er in einem Brief schrieb: „Geschrieben hab ich den ganzen Winter über nichts als eine Szenenreihe, die vollkommen undruckbar ist, literarisch auch nicht viel heißt.“

          Undatierte Aufnahme Arthur Schnitzlers
          Undatierte Aufnahme Arthur Schnitzlers : Bild: dpa

          Schnitzler hatte 1895 mit der Uraufführung seines Stückes „Liebelei“ seinen künstlerischen Durchbruch erlangt, erkrankte ein Jahr später aber an Otosklerose (einer Erkrankung des Innenohrs, unter der auch Beethoven litt) – das Schreiben am „Reigen“ sollte ihm erst nur Ablenkung verschaffen. Im Jahr 1900 ließ er 200 Exemplare privat drucken und verteilte diese an Freunde, bevor der „Reigen“ 1904 öffentlich verlegt wurde, um ein Jahr später bereits als Publikation in Buchform verboten zu werden.

          Dieses Verbot wurde zwar in Teilen umgangen, aber in Gänze wurde der „Reigen“ eben erst 1920 uraufgeführt – und auch das wäre fast verhindert worden. Die Aufführung dieses „Totentanzes des Eros“, wie Georg Hensel schrieb, wurde kurz vorher verboten, dem Stück wurde Unsittlichkeit vorgeworfen, und es ist nur dem Mut der damaligen Prinzipalin des Hauses, Gertrud Eysoldt, zu verdanken, die sich gegen das Verbot einsetzte, dass das Stück gespielt werden konnte. Es kam zum Reigen-Prozess, der 1921 in einem epochemachenden Urteil endete, das die künstlerische Freiheit über die staatliche Zensur setzte – die Aufführung sei „sittlich“ und somit erlaubt. Dennoch kam es bei weiteren Aufführungen in Berlin und Wien zu vor allem antisemitisch bedingten Hetzkampagnen gegen das Stück und seinen jüdischen Autor, die Schnitzler schließlich dazu brachten, selbst ein Spielverbot seines Stückes zu veranlassen, das sein Sohn Heinrich bis zum 1.1.1982 verlängerte. Kein Wunder, dass es 1982 dann sofort zu hochkarätig besetzten Aufführungen an vielen großen deutschsprachigen Häusern kam.

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