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Übergriff auf Kritiker : Konsequenzen aus dem Theaterskandal

  • Aktualisiert am

Intendantin Elisabeth Schweeger Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Einen Tag nach dem Angriff auf den Theaterkritiker der F.A.Z. in Frankfurt ist reagiert worden: Der Schauspieler Thomas Lawinky hat sich entschuldigt, das Theater sprach die Kündigung aus.

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          Die Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main, Frau Petra Roth, hat am Morgen nach der Premiere von Ionescos Stück an die Intendantin des Frankfurter Schauspiels, Elisabeth Schweeger, geschrieben, daß sie die Nachricht von diesem „unentschuldbaren Vorfall“ mit „Entsetzen“ vernommen habe.

          Das Verhalten des Schauspielers Thomas Lawinky gegenüber dem Kritiker Gerhard Stadelmaier sei „unverzeihlich“. Sie gehe davon aus, daß die Intendantin diesem Urteil nicht widersprechen werde. Sie fordert sie in dem Schreiben auf, sofort Konsequenzen zu ziehen. Die Oberbürgermeisterin schreibt in ihrem Brief weiter: „Es wurde nicht nur die Pressefreiheit verletzt. Es geht um viel mehr: Ein körperlicher Angriff ist auch strafrechtlich zu würdigen.“ Selbstverständlich, so die Oberbürgermeisterin weiter, sei das Vertragsverhältnis mit dem Schauspieler Thomas Lawinky sofort zu beenden. „Daß eine unverzügliche, unzweideutige und umfassende Entschuldigung durch Sie bei Herrn Stadelmaier und der F.A.Z. zu erfolgen hat, dürfte sich von selbst verstehen.“

          Kein Kommentar des Regisseurs

          Der Regisseur Sebastian Hartmann, der schon bei mehreren Inszenierungen, wie zum Beispiel in dem Stück „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (F.A.Z. vom 15. November 2004), mit dem Schauspieler Thomas Lawinky zusammengearbeitet hat, teilte uns am frühen Nachmittag mit, daß er zum jetzigen Zeitpunkt den Vorfall öffentlich nicht kommentieren könne. Er selbst, der Schauspieler und die Intendantin würden am Nachmittag einen Anwalt konsultieren und über die öffentliche Stellungnahme zu diesem Vorfall beraten, in dessen Folge der Schauspieler von einer Kündigung bedroht sei.

          Am Abend der Aufführung saßen mit unserem Kritiker selbstredend noch andere Kritiker in dem kleinen Theater in der Schmidtstraße 12. Direkt neben Stadelmaier saß Alfred Huber, Feuilletonchef des „Mannheimer Morgen“. Er habe sich „schon betroffen gefühlt“, sagt Huber, „ich wollte aber wissen, worauf der Abend hinausläuft.“ Die Entgleisung Lawinkys hält Huber für eine „Ausflippsituation“ - so etwas habe es, zumal an Experimentierbühnen, immer wieder gegeben. Ohne beschönigen zu wollen, möchte Huber den Vorfall eher tiefer hängen: Man müsse als Kritiker auch mal etwas einstecken können, heftige Gegenreaktionen von Schauspielern und Regisseuren habe es immer wieder gegeben.

          „Vorvorpubertärer Provokationsversuch“

          Alf Mentzer, der für den Hessischen Rundfunk (hr2 Kultur) dabei war, ärgert sich auch am Tag nach der Premiere über „diesen vorpubertären Provokationsversuch“. Er habe die Inszenierung „als Beleidigung des Publikums empfunden: daß man glaubt, uns mit so etwas provozieren zu können.“ Die Attacke auf den Kritikerkollegen habe sich aus der Dynamik entwickelt, weil Stadelmaier sich weigerte, an der interaktiven Inszenierung mitzuwirken. „Jeder hat Angst vor solchen Grenzüberschreitungen, wenn man körperlich direkt angegangen wird.“ Er habe deshalb den Abgang des Kritikerkollegen als „souveränes Desinteresse gewertet“. Von einem gezielten infamen Akt gegen die Person Stadelmaiers gehen beide Kritiker nicht aus.

          Anders hat Mentzers Kollegin, die HR-Moderatorin Ruth Fühner, reagiert. Lawinkys Verhalten empfand sie als einen „so aggressiven Akt, daß mir der Atem stockte“. Stadelmaier habe gut reagiert: „Er rührte keinen Finger, blieb bemerkenswert ruhig.“ Sie selbst habe nicht die nötige Geistesgegenwart besessen, um sich ihm anzuschließen. Frau Fühner verließ die Aufführung dann doch noch vorzeitig. Noch in der Nacht hat sie in einer E-Mail an die Intendantin ihre Bestürzung protokolliert. Der einzige Augenblick, in dem die Provokation wirklich funktioniert habe, so Frau Fühner, habe außerhalb der Inszenierung gelegen - „im Amoklauf eines Schauspielers. Und das finde ich nicht nur für die Kritiker, das finde ich für das ganze Theater bedrohlich.“

          „In aller Form“

          Am Abend erreicht uns die Presseerklärung des Schauspiels Frankfurt, in welcher die Intendantin Elisabeth Schweeger erklärt, sie habe sich beim Kritiker entschuldigt, das Verhalten des Schauspielers (der nicht namentlich genannt wird) entspreche keineswegs ihrem Verständnis von Kunst. Das Arbeitsverhältnis mit dem Schauspieler sei einvernehmlich beendet worden. Dieser hat sich inzwischen persönlich beim Kritiker „in aller Form“ entschuldigt.

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