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Dresdner „Aghet“-Projekt : Was sind Europa seine Werte wert?

Wie reagiert die EU auf die türkische Forderung? Kunstinstallation vor der Dresdner Frauenkirche Bild: dpa

Die Interventionen gegen das Dresdner „Aghet“-Projekt, die Festnahme einer niederländischen Journalistin: Die Türkei nutzt die politische Erpressbarkeit der EU nun ganz gezielt.

          Als die Dresdner Sinfoniker vor sechs Jahren in dem Projekt „Hasretim“ Dokumentarfilme von singenden Männern an der türkischen Nordküste mit Orchestermusik von Marc Sinan unterlegten, unterstützte die türkische Botschaft in Deutschland das traute Beisammensein in der Kunst mit Geld und Beistand. Als im selben Jahr Eric Friedlers Dokumentarfilm „Aghet - Ein Völkermord“ über den Tod von schätzungsweise achthunderttausend bis anderthalb Millionen Armeniern im Osmanischen Reich im Jahr 1915 herauskam, protestierte zwar die Türkische Gemeinde in Deutschland gegen den Film, aber die Politik verhielt sich ruhig, obwohl die Behauptung eines türkischen „Völkermordes“ an den Armeniern nach Paragraph 301 des türkischen Strafgesetzbuches als Verunglimpfung des Türkentums gilt und mit Haft- oder Geldstrafen belegt wird.

          Das türkische Interesse an guten Beziehungen zur Europäischen Union war im Jahr 2010 größer als umgekehrt. Vor allem Angela Merkel hielt damals das Land und dessen Beitrittswünsche auf Abstand. Nun sieht die Welt anders aus: Die EU ist in der Flüchtlingsfrage auf die Türkei angewiesen, und die Türkei will sich das nicht allein finanziell mit drei Milliarden Euro vergüten lassen. Gegen „Aghet“, das neue Projekt der Dresdner Sinfoniker, das den Tod der Armenier als „Völkermord“ – nicht nur im Begleitkommentar, sondern auch im gesungenen Text – bezeichnet, hat der EU-Botschafter der Türkei bei der Europäischen Union Beschwerde eingelegt: Dergestalt, dass die Förderung von zweihunderttausend Euro unterbunden und die öffentliche Erwähnung des Projekts verhindert werden soll.

          Knochen im armenischen Wüstensand. Ausschnitt aus der ARD/NDR-Produktion „Aghet - Ein Völkermord“.

          Ein geplantes Gastspiel in Istanbul wurde untersagt. Wie den „Dresdner Neuesten Nachrichten“ zu entnehmen war, habe der Botschafter nicht nur mit dem Abbruch der türkischen EU-Beitrittsverhandlungen gedroht, sondern auch mit einer Revision des Abkommens zur Flüchtlingsfrage. Unterdessen wurde am Samstagabend die Kolumnistin Ebru Umar in der türkischen Stadt Kusadasi von der Polizei festgenommen. Die niederländische Staatsbürgerin hatte mehrfach den türkischen Präsidenten Erdogan kritisiert. Beide Fälle belegen, dass die Türkei die politische Erpressbarkeit der EU nun ganz gezielt nutzt, um den Geltungsbereich ihres Strafgesetzbuches über die Landesgrenzen hinweg auszudehnen. Jetzt muss die EU zeigen, welchen Preis sie zu zahlen bereit ist für die Verteidigung ihrer Werte.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

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