https://www.faz.net/-gqz-798ym

Tschechows „Die Möwe“ : Holzschnitt statt Traumleben

  • -Aktualisiert am

Ach, könnten sich die Schauspieler, die sich in Frankfurt abmühen, nur ein Vorbild am Bühnenbild nehmen und eine ähnliche Magie wie dieses entfalten. Bild: Birgit Hupfeld

Wo ist nur all das Flirrende, wo ist nur die ganze Lust geblieben? Anton Tschechows „Die Möwe“ im Frankfurter Schauspiel.

          3 Min.

          Anton Tschechows Stücke sind hauchfeine Gewebe aus Wirklichkeit und Traum, aus Illusionen, denen wir anhängen, und den Banalitäten des Lebens, denen wir erliegen. Obwohl sie so raffiniert gesponnen sind - doch mit Schussfäden teils freundlichen, teils bösen Humors - öffnen sie dem Zuschauer den Blick in die Höllen, die man einander bereitet. Erträglich werden sie durch die Güte Tschechows, mit der er Figuren und Zustände seziert.

          In der „Möwe“ ist es eine Gesellschaft von Künstlern, Intellektuellen und Kleinbürgern, die auf einem Landgut zusammentrifft. Im Zentrum Arkadina, Gutsbesitzerin und Schauspielerin, die glühend ihren Beruf liebt, das Altern und die Verarmung fürchtet, und ihren Sohn Kostja insgeheim verabscheut, weil seine Jugend ihr wahres Alter und sein Idealismus ihre innere Leere bloßstellt.

          Kostja, angehender Schriftsteller, ist das Gegenstück zu Trigorin, dem Liebhaber der Arkadina, den Kostja deswegen und weil dieser ein angesehener oberflächlicher Belletrist ist, inbrünstig hasst. Das Gegenstück der Arkadina ist die junge Gutsbesitzerstochter Nina, die mit aller Macht Schauspielerin werden möchte, von Kostja geliebt wird und sich ihrerseits in Trigorin verliebt, der sie verderben wird.

          Überhaupt lieben alle Beteiligten in die Irre: Polina, die Frau des Gutsverwalters, ist dem Arzt Dorn verfallen, ihr Mann Ilja liebt nur sich selbst und seine längst vergangene Leutnantsjugend, die er sich schönfärbt. Mascha, beider Tochter, ist Kostja hörig. Der Lehrer Medwedenko, der unentwegt die Ausbeutung der unteren Schichten anprangert, aber eigentlich nur die eigene meint, giert nach Mascha, die ihn schließlich aus Verzweiflung heiratet.

          Präzise wie Spielautomaten

          Und Sorin, rapide alternder Pensionist und Bruder der Arkadina, liebt, dass ihm eine Liebe fehlt. Das klagt und wütet in einem fort - und merkt in aller Überempfindlichkeit für die eigenen Gefühle nicht, oder will nicht merken, dass die anderer unentwegt mit Füßen getreten werden. Bis am Ende dieser Tanz ums Ego einen der Kreisdreher (fast durchgehend während der dreistündigen Inszenierung kreist die Drehbühne in einer malstromig schleppenden Bewegung) das Leben kostet.

          „Das Leben muss nicht gezeigt werden wie es ist, sondern so, wie wir es träumen“, heißt es einmal in der „Möwe“. Als Bühnenbildner hat Andreas Kriegenburg, der als Regisseur ein Traumspiel inszenieren möchte, dafür ein wunderbares Bild gefunden: Durchscheinende cremeweiße Stoffbahnen umhüllen die Szene, von oben hängt in der Mitte ein propellerartiges Stangengebilde mit weiteren Stoffbahnen herab, anfangs als das Zelt im Park dienend, in dem Nina Kostja erstes Stück deklamiert, später, sich leise drehend, ein Verweis auf die Windmühlenflügel Don Quichottes, dessen klägliche Abbilder die Protagonisten sind.

          Die Träume aber, die der Regisseur Kriegenburg inszeniert, sind nicht die des Mannes von La Mancha, sondern gleichen denen aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“: Hektisch wie Carrolls weißes Kaninchen hetzt Nico Holonics Lehrer durch das Geschehen. Rührend, eine Meisterleistung und eine herrliche Traumsequenz, wenn Holonics den ewig Stolpernden in einer kurzen Liebestrance graziös auf der Tafelrunde des Guts tanzen lässt - ein Hampelmann, der zum Elf wird.

          Auch Katharina Bachs Mascha, die zwei Akte lang mit schwarzer Riesenhose und Hosenträgern als liebestoller dummer August umherhopst, hat eine solche verzaubernde Szene. Sie kämpft, ganz der zum Heulenlachen traurig-komische Clown, mit einer Stehleiter so verbissen und hoffnungslos wie mit ihrem ganzen Leben.

          Marc Oliver Schulze aber, der mit übergroßen Weste und schlabbernden Beinkleidern als eitel schlampiger Pierrot ausstaffiert ist (Kostüme: Katharina Kownatzki), spielt seinen Schriftsteller Trigorin souverän, doch so, als habe er nichts mit der Inszenierung zu tun. Ähnlich Felix von Manteuffel als Sorin, Stephanie Eidt als Polina, Till Weinheimer als Arzt, Michael Benthin als Verwalter - allesamt ihre Texte und Attitüden präzis abspulend wie Spielautomaten aus Carrolls Wunderland. Wenn sie dann ihre Verzweiflung, ihren Überdruss und ihre Enttäuschungen herausschreien, schreien sie nicht, sondern keifen; Spiel auf Wirkung.

          Wirres Traum- und Puppenspiel

          Das ganze Elend jedoch dieser Inszenierung offenbart sich an Bettina Hoppes Arkadina. Eindrücklich wird sie immer dann, wenn sie das „Kopf ab, Kopf ab“ der Königin aus Carrolls Albtraum spielt - wenn die Arkadina sich, zur Megäre werdend, an Trigorin klammert, der sie verlassen will, wenn sie sich vor Kostjas Jugend ekelt, oder dem Verwalter Geld verweigert. Alles Flirrende aber, die Ängstlichkeit, die Selbstvorwürfe, die Lust am Bösen und die Furcht dieser Frau, sich ins Gesicht sehen zu müssen, fehlen; Holzschnitt statt Traumleben.

          Kostja? Dass dieser Mannjunge wie gehäutet lebt, als einziger Ernst macht mit den Träumen, ist Mathis Reinhardts Figur lange nicht anzumerken. Und Lisa Stiegler ist in der Rolle der Nina ebenso lange ein patentes junges Ding, dem man vielleicht abnimmt, dass sie gern auf einer Bühne stünde und ebenso gern eine Affäre mit Trigorin begönne. Warum aber diese Nina für das Theater fiebert, einem bequem lüsternen Belletristen verfallen und Kostja enttäuschen muss, bleibt unerfindlich.

          Dass beide Schauspieler in einer sorgfältig gearbeiteten Inszenierung Magie entfaltet hätten, beweist der Schlussdialog. Plötzlich herrschte atemlose Stille, machte Lisa Stiegler beklemmend deutlich, was Hörigkeit und Durchhalten aus Hoffnungslosigkeit bedeuten, und Mathis Reinhardts sterbensmüd mutiger, an sich und an Nina statt an den Ichsüchtigen ringsum verzweifelnder Kostja war nun der, den kein Selbstbetrug mehr vom Selbstmord abhalten konnte.

          Dieser doch noch grandiosen Leistung galt der anfangs frenetische Beifall. Der nur noch höfliche galt dann einer Inszenierung, die statt Tschechows Vexierspiegel ein wirres Kaleidoskop aus zartem Traum- und knalligem Puppenspiel bietet.

          Weitere Themen

          Genug vom Konsens

          Forum Bellevue : Genug vom Konsens

          Darf man über die Krise noch diskutieren? Bundespräsident Steinmeier spricht mit Gästen im „Forum Bellevue“ über die Zukunft der Demokratie.

          Auf Sand gebaut

          Günter Uecker als Zeuge : Auf Sand gebaut

          Wenn die Preise eines Künstlers anziehen, so treten vermehrt Fälschungen auf. Im Zweifel muss die Echtheit vor Gericht geklärt werden.

          Topmeldungen

          Einst gesellschaftliches Bindeglied, jetzt bedrohte Art: die traditionelle Kneipe.

          Kneipensterben : Der gemeinsame Rausch ist effizient

          Auf ein Bier mit der Fußball-Truppe? Oder ein Glas Wein mit der besten Freundin? In Corona-Zeiten geht das gerade nicht. Doch die Kneipe ist ein Kulturgut und darf nicht aussterben. Das sagen sogar Volkswirte.

          Tourismus : Ischgl ohne Après-Ski

          Der Corona-Ausbruch hat dem Tiroler Skigebiet zugesetzt. Knapp ein Jahr danach keimt in der Region neue Hoffnung. Wie wird die Skisaison mit Hygienemaßnahmen aussehen?

          Sorgen bei Liverpool und Klopp : „Das hört sich nicht gut an“

          Im Hinspiel gab es ein 5:0, nun verliert Liverpool in der Champions League daheim gegen Bergamo. Der Grund für die ärgerliche Niederlage ist schnell ausgemacht. Nun droht Jürgen Klopp ein „Endspiel“ – ausgerechnet in Dortmund.

          Der Brexit und die Fischerei : Heringe und Makrelen spalten Europa

          Fischer in der Europäischen Union bangen um ihre Existenz. Tausende Jobs stehen auf dem Spiel. Für Europa geht es aber noch um viel mehr. Wie geht es weiter nach dem Brexit?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.