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Tschaikowsky in Wien : Ganz ausweglos zu Hause

Tschaikowskys Ideal einer Balance von Empathie und sozialer Form: Dmitri Iwaschtschenko als Fürst Gremin, umgeben von Sängerinen des Slowakischen Philharmonischen Chores. Bild: Wiener Staatsoper/Michael Poehn

Wie viel Ingmar Bergman steckt in Peter Tschaikowsky? Dmitri Tschernjakows Inszenierung von „Jewgeni Onegin“ ist eine Meisterleistung.

          4 Min.

          Phantastisch in der Bildfindung, meisterhaft in der Personenregie, vorbildlich im Lesen des Stücks wie im Nachdenken über dessen Wirkung ist die Inszenierung Dmitri Tschernjakows von Peter Tschaikowskys „Jewgeni Onegin“. Die Wiener Staatsoper zeigt sie gerade. „Wohin seid ihr entschwunden, goldene Tage meines Frühlings?“, singt Lenski, bevor er im Duell – hier bei einem fahrlässigen Handgemenge um eine alte Schnepfenflinte – mit Onegin zu Tode kommt. Aber Tschernjakow denkt über Lenski hinaus: Das Stück selbst hat die goldenen Tage seines Frühlings hinter sich. Fort sind der Park und die Obstwiesen auf dem Gut der Larins, wo Olga und Tatjana mit ihrer Mutter leben. Fort sind die Bauern, die über müde Füße klagen, und die Mägde, die bei der Arbeit lachen. Deren Lieder singt eine gutbetuchte Gesellschaft am Tisch der Larina: nostalgisches Amüsement der leisure class. Es gibt die Realität sozialer Alternativen nicht mehr: das Sich-selbst-Vergessen in körperlicher Arbeit, die Utopie des glücklichen Einswerdens mit einem Kollektiv.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Es gibt auch keinen Außenraum mehr auf der Bühne, die Tschernjakow selbst entworfen hat. Alles spielt in den Wänden des Heims, das Tatjana unheimlich geworden ist. Apathisch sitzt sie zwischen den Menschen, von denen sie denkt, was Rilke gut zwanzig Jahre nach Tschaikowskys Oper schrieb: „Es ist, als ob ein Trug sie täglich äffte, sie können gar nicht mehr sie selber sein.“ Schal ist der jungen Frau dieser Frohsinn eines gesellschaftlichen Funktionierens geworden, der jede Aufrichtigkeit verhöhnt. Ihre Mutter, die Larina, tief beunruhigt über das Verhalten ihrer Tochter, hält mit herrischer Fröhlichkeit die Fassade einer intakten Familie aufrecht. Helene Schneiderman, bei der jeder Blick, jede Geste punktgenau sitzen, wirkt in dieser Rolle – auch durch die historisierenden Kostüme von Maria Danilowa und Jelena Sajzewa – wie Ghita Nørby als Karin Åkerblom in Bille Augusts Film „Die besten Absichten“ nach Ingmar Bergmans Drehbuch.

          Tischgesellschaft bei den Larins
          Tischgesellschaft bei den Larins : Bild: Wiener Staatsoper/Michael Poehn

          Es ist aus diesen „Lyrischen Szenen“ nach Alexander Puschkin durch Tschernjakow ein häusliches Drama der bürgerlichen Familie geworden. Tschaikowsky, angewidert von Verdis „Aida“, wollte sich 1878 „von den äthiopischen Prinzessinnen, Pharaonen, Vergiftungen“ befreien und schaffte mit seinem „Jewgeni Onegin“ den Anschluss der Oper an die Dramen von Ibsen und Strindberg, wurde zum Wegbereiter Tschechows, der Tschaikowsky bewunderte.

          Genau diese Wirkung fernab von Bühnenklischees wie der Parkbank unterm Birkenbaum oder dem Chorreigen um die Obstkörbe, hat Tschernjakow durch seine Inszenierung erfasst. Diese Verweigerung von gewohnten Bildern aber löste im Oktober 2006, als die Inszenierung erstmals am Moskauer Bolschoi Theater gezeigt wurde, eine derartige Wut auf den Regisseur aus, dass die frühere Primadonna Galina Wischnewskaja damals ankündigte, dieses Haus nie mehr zu betreten. Es ist nicht nur verdienstvoll, sondern ein Glück, dass Bogdan Roščić, der neue Intendant der Wiener Staatsoper, dieser Arbeit eine zweite Chance gibt.

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