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Tschaikowsky in Wien : Ganz ausweglos zu Hause

Für Tschaikowsky, der aus den zur Pose gewordenen Konventionen der Oper im neunzehnten Jahrhundert zurückwollte zur psychologischen Evidenz singenden Handelns im Musiktheater Mozarts, ist es ein Segen, wenn so viele exzellente Mozart-Sänger unserer Zeit im Ensemble für seine Musik zusammenfinden: Andrè Schuen und Bogdan Wolkow standen als Guglielmo und Ferrando schon diesen Sommer in „Così fan tutte“ in Salzburg auf der Bühne. Jetzt singt Schuen einen Onegin von weltmännischer Kühle, leicht, geschmeidig, höflich – aber in der Pose arroganter Geltungssucht. Dieser Mann bleibt liebes- und lernunfähig bis zum Schluss, ein narzisstischer Schnösel. Man hat – im Film mit Ralph Fiennes oder durch den Sänger Günter Papendell in Barrie Koskys Berliner Inszenierung – differenziertere, melancholische Porträts dieser Figur sehen können. Dieses in Wien ist aber sehr nah an Puschkins Original.

Ein „Bravo“ für Lenski

Bogdan Wolkow als Lenski bekommt nach seiner Abschiedsarie ein „Bravo“ aus dem Publikum. Wie er die Verse „Wirst du kommen, schönes Mädchen, über meiner Urne weinen und sagen: Er hat mich geliebt?“ mit halber Stimme gesungen hat, vom Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Tomáš Hanus in bebendem Pianissimo getragen, das musste das empfängliche Publikum auch zur Raserei treiben: Er ist ein Sänger, der kein Brüllen nötig hat, um seine Hörer hinzureißen. Nicole Car als Tatjana teilt sich in der Briefszene ihre Kräfte so klug ein, dosiert ihr Vibrato derart kontrolliert, dass ihr Sopran auch in der größten Lautstärke nie seine lyrische Farbe, Innigkeit und Wärme verliert. Anna Gorjatschowa, schon in Zürich in „Così fan tutte“ eine Dorabella von sinnlicher Glut, singt in Wien eine Olga, die in der Tiefe der Stimme den Ingrimm auf ihre Schwester Tatjana lodern lässt, von der sie glaubt, dass sie sich durch ihre Apathie nur wichtig machen wolle.

Dmitri Iwaschtschenko, in René Jacobs’ Einspielung der „Entführung aus dem Serail“ der furiose Bass-Irrwisch als Osmin, singt in Wien den Fürsten Gremin weitab von der üblichen Bräsigkeit eines Frühpensionärs. Wie er Herzenswärme und die Leichtigkeit des Konversationstons zu verbinden weiß, das nötigt das Publikum zum nächsten „Bravo“. Hier schafft es Iwaschtschenko, Tschaikowskys Ideal einer Balance aus sozialer Empathie und gewahrter Form im Gesang zu verkörpern. Dass Larissa Djadkowa als Amme Filipjewna mit der Erzählung von ihrer kindlichen Zwangsverheiratung für einen erschütternden Moment sorgt, zeigt, wie genau diese Inszenierung sogar in den Nebenrollen durchgearbeitet ist.

Der Slowakische Philharmonische Chor, einstudiert von Jozef Chabroň, bewegt sich auf dem höchsten Niveau dessen, was ein Opernchor leisten kann. Die leichten Koordinationsstörungen beim Singen hinter der Bühne zu Beginn der dritten Szene sind die Ausnahme an einem Abend der Exzellenz. Tomáš Hanus hat es als Dirigent oft eilig, in der Polonaise des dritten Akts so eilig, dass die punktierten Rhythmen verwaschen herauskommen. Aber wie er den Streicherklang in der Einleitung der Briefszene zum erstickten Schrei dämpft und wie er die Herzrhythmusstörungen aus den Mittelstimmen vor der Finalszene herausholt, das verrät einen achtsamen Musiker.

„Offen“ steht in roten Neonröhren an der Fassade der Staatsoper. Tausend Leute dürfen nach neuesten Pandemiebestimmungen noch in den Saal. Man kann dieser Inszenierung gar nicht genug Gäste wünschen.

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