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Tristan und Isolde in Bayreuth : Finsternis, traumlos, und ohne Ausgang

  • -Aktualisiert am

Eingesperrt und überwacht: Stephen Gould (links) als Tristan und Petra Lang als Isolde. Bild: dpa

In Bayreuth wird noch einmal Katharina Wagners Inszenierung von „Tristan und Isolde“ gezeigt. Christian Thielemanns Dirigat sorgt dabei für eine Art Lebensversicherung.

          Was genau Christian Thielemanns Titel „Musikdirektor“ der Bayreuther Festspiele bedeutet, darüber darf nach wie vor gerätselt werden. Den persönlichen Parkplatz am Festspielhaus, der die Wichtigkeit des Amtes untermauern soll, hat sich Thielemann aber schon allein durch sein Dirigieren verdient. Er ist der unangefochtene Primus unter den Orchesterleitern in dieser Premierenwoche. Er ist allerdings auch der Erfahrenste: Seit nunmehr neunzehn Jahren dirigiert Thielemann in Bayreuth, die speziellen akustischen Verhältnisse des verdeckten Orchestergrabens machen solche Erfahrung offenbar zum wichtigen Faktor. Keiner, der das Festspielorchester so zart und zugleich präsent spielen lässt, keiner, der dem Klang des Orchesters eine ähnliche Griffigkeit verleiht. Der dämpfenden und mischenden Wirkung des Bayreuther Grabens auf den Orchesterklang muss das erst einmal abgetrotzt werden.

          Womit Thielemann auch einem Irrtum entgegentritt: dass bei Wagner sich nicht nur die Hörer zurücklehnen dürfen, sondern auch die Musiker. Weil ja sowieso alles irgendwie gut klingen wird, dem Meister sei Dank, der den Instrumenten stets aus der Seele schrieb. Thielemann bringt in Erinnerung, dass es bei Wagner derselben Mühe bedarf, wie sie für die Erarbeitung von Musik früherer Epochen selbstverständlich ist: die Pflege einer klaren Artikulation, einer durchdachten Phrasierung und eines transparenten Klangbildes. Wagner verzichtete ja nicht auf Strukturen, um die berauschende Wirkung seiner Musik hervorzurufen. Wie sich etwa beim „Tristan“ – Thielemann dirigierte ihn nun in der Inszenierung von Katharina Wagner – die Vorspiele zu den drei Aufzügen jeweils aus einem Dreischritt entwickeln – zwei Anläufe, denen eine dritte, weiter ausgreifende Phrase folgt –, ist hier in schönster Klarheit zu hören. Es bleibt nicht bei der bloßen Überwältigung, wie sie die Wagner’sche Musik auf den Hörer ausübt. Thielemann öffnet den Blick in die Werkstatt des Komponisten und räumt damit zugleich eine Chance auf Distanz ein.

          So veredelte er den märchenartigen „Lohengrin“ in der Ausstattung von Neo Rauch und Rosa Loy. Bei Katharina Wagners düsterem „Tristan“ – nächstes Jahr wird er dem neuen „Ring“ weichen – ist Thielemanns Dirigieren gar die Lebensversicherung. Die Sänger jedenfalls bieten kein allzu ausgeprägtes Profil. Stephen Gould ist ein Tristan, der seiner Rolle, was das Durchhaltevermögen angeht, gewachsen ist. Wenn er aber nicht zum Forte gezwungen ist, wo er dann zu kernigem Klang findet, hängt seine Stimme seltsam durch. In der Erschlaffung verschwimmt nicht nur die Charakterzeichnung der Rolle (vor allem Goulds Tapsigkeit bleibt in Erinnerung), auch die Intonation zieht es nach unten, bis zu einem Viertelton.

          Petra Lang singt intonationssicher, doch ihre Isolde bleibt vage. Der offene Klang ihrer Stimme legt sich mühelos auch über ein vollzählig spielendes Orchester, bei intimeren Passagen wirkt die Offenheit ihrer Stimme aber zu wenig eingefasst. Es entsteht ein beliebiger Eindruck, auch die Textverständlichkeit leidet. Zu Lautstärke und darstellerischer Blässe tendieren auch die Sänger der Nebenrollen: Christa Mayer als Brangäne, die es an reiner Stimmkraft mit ihrer Herrin aufnehmen kann und ihr auch in der Undefiniertheit der Rolle ähnlich ist; Greer Grimsley als Kurwenal, der zum Bellen neigt. Deutlich hebt sich Georg Zeppenfeld ab als König Marke: Markig und doch elegant singt er, dabei so sprechend, dass sich auch der Text gut verstehen lässt. Ebenso Tansel Akzeybek, dessen Steuermann zu Beginn der feine Hohn seines Gesangs deutlich anzuhören ist.

          Dass so unklar ist, was mit den Rollen anzufangen sei, deutet auf grundlegende Probleme in Katharina Wagners Inszenierung hin. Den „Tristan“ versetzt sie in ein mechanisch-geometrisches Umfeld, das der Liebe zwischen den beiden Hauptfiguren keinen Raum lassen möchte. Im Treppengewirr des ersten Aktes (Bühne: Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert) steigen Tristan und Isolde aneinander vorbei, im zweiten Akt sehen sie sich in einem Zwinger eingeschlossen, von dessen Begrenzung herunter die Suchscheinwerfer das Tête-à-tête ganz unromantisch ausleuchten, der dritte Akt ist ganz in Dunkelheit getaucht, wobei ein paar rote Grablichter Trost spenden und später hell leuchtende Dreiecke, in denen Isolde als Traumbild erscheint.

          Wie sich die Figuren des Stückes zu dieser Umgebung verhalten, bleibt unklar. Fühlen sich Isolde und Tristan eingeengt? An der gemächlichen, nahezu gemütlichen Art, mit der sich Stephen Gould und Petra Lang über die Bühne bewegen, lässt sich das schwer ablesen. Und auch die symbolischen Handgriffe, die beide vornehmen, helfen beim Verständnis nicht viel weiter: etwa wenn sie leicht gelangweilt mit den Rippen eines Eisenthorax spielen, der Isolde im zweiten Akt umschließt wie das Drehkreuz eines Freibadausgangs. Es bleibt vor allem der Eindruck deprimierender Düsternis. So finster ist sie, dass auch das Vorhandensein einer Traumwelt geleugnet scheint, in der Tristan und Isolde sich begegnen könnten. Ihr Lebensraum, den Wagners Musik noch vielfarbig ausmalt, ist ihnen auf der Bühne entzogen. Punkte für die Musik zum Andocken hält die Bühne in ihrer geometrischen Härte nicht bereit.

          Auch Christian Thielemanns farbreiches Dirigieren kann da nicht richtig helfen. In der Kraft und Durchdachtheit ihrer Gestaltung gerät die Musik eher zum Vorwurf für eine Bühne, die nicht mithalten kann.

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