https://www.faz.net/-gqz-9ri4c

„Tristan und Isolde“ in Köln : Wie hoch man doch sinken kann

Weh ihm, Frevler: Tristan (Peter Seiffert) wird nicht mehr lebend an Land gehen. Bild: Bernd Uhlig

Kreuzfahrt ins Unendliche: In Patrick Kinmonths Kölner Inszenierung von Richard Wagners „Tristan und Isolde“ steht das von François-Xavier Roth dirigierte Gürzenich-Orchester im Zentrum.

          4 Min.

          Das ist also ihre Kajüte! Kein Bullauge, keine Matratzen, keine Decken, nichts! Als Bett dient eine metallene Pritsche, die heruntergeklappt wird. Der Hahn über dem Waschbecken spendet nur kaltes Wasser, die Glühbirne an der Wand kaltes Licht. Das Fenster ist blind, mit ewigen Eisblumen bewachsen.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Isolde, die irische Prinzessin, ist eine Gefangene. Aber Tristan, der Ritter aus Cornwall, der sie gefangen genommen hat und gefangen hält, ist keineswegs komfortabler untergebracht. Seine Kabine hat exakt dieselben Maße und dieselbe Ausstattung – beziehungsweise dieselben Ausstattungsmängel. Wer hier das Gleichgewicht verliert, wird sich überall stoßen. Auf den Einbau von Welthaltegriffen wurde verzichtet.

          Für Tristan, den Helden, besteht scheinbar keine Gefahr. Apathisch sitzt er die längste Zeit auf dem einzigen mobilen Möbelstück, das er mit seinem beachtlichen Körpergewicht fixiert. Typ Schulstuhl. Jeder Lernerfolg liegt in weitester Ferne, es gibt nichts zu lesen und nichts zu sehen. Hört er, was in der Nachbarkajüte geschieht? Aber geschieht dort wirklich etwas?

          Die ereignislose Handlung als Parallelaktion

          Eine „Handlung“ hat Richard Wagner „Tristan und Isolde“ genannt, mit dem deutschen Wort für das griechische Drama, obwohl im konventionellen dramatischen Sinne fast nichts passiert in dem Werk, dessen Aufführung in der Kölner Premiere der Neuinszenierung von Patrick Kinmonth fünf Stunden füllte. Die Ereignisse, die zur Herbeiführung des tödlichen Ausgangs unentbehrlich sind, hat Wagner dreimal aufs Äußerste zusammengedrängt, jeweils am Schluss der Aufzüge.

          Kinmonth zeigt „Tristan und Isolde“ in seiner zweiten Kölner Wagner-Regiearbeit nach dem „Tannhäuser“ als Parallelaktion. Der treue Gesandte König Markes und die dem König gewaltsam bestimmte Braut kreuzen gemeinsam die Irische See, aber ihre Lebensschicksalslinien werden sich erst im Unendlichen schneiden. Sie kommen nicht vom Fleck, der Mann und die Frau bleiben gebannt in ihre Unisex-Kammern.

          Dabei sind die Einzelzellen Teile einer unübersehbaren Struktur. Die Verbindungstüren machen sogar ein reges Kommen und Gehen möglich. Neben Kurwenal und Brangäne, den eilfertigen Dienstboten, öffnen auch Passagiere wie mit Geisterhand die Türen, von denen ungewiss ist, ob sie einen Fahrschein besitzen, Doppelgänger der Protagonisten, die im Übrigen dann und wann auch selbst einen Spaziergang auf Deck unternehmen.

          Auf der Bühne ist auch die Musik

          Nur einander treffen Tristan und Isolde nie. Man muss ergänzen: auf der Bühne. Und das muss man wiederum korrigieren. Denn auf der Bühne ist auch die Musik. Die Musik, welche die Liebenden trägt und umfängt und beinahe verschlingt, emporhebt und versinken lässt, so dass sie eins werden. Das „und“ in „Tristan und Isolde“, das „süße Wörtlein“, das Isolde im dritten Aufzug besingt, muss verwandt sein mit „unda“, der Welle.

          Die Oper Köln bleibt auch im Offenbachjahr verbannt aus ihrem Stammhaus am Offenbachplatz, spielt im Staatenhaus auf der rechten Rheinseite, einem Messegebäude aus der Regierungszeit des Oberbürgermeisters Adenauer. Hier gibt es keinen Orchestergraben, für das Orchester muss in jeder Opernproduktion ein neuer, den Anforderungen des jeweiligen Werkes entsprechender Platz gefunden werden.

          Weitere Themen

          Schattenspiele beim Tapetenkratzen

          Theaterabende in Berlin : Schattenspiele beim Tapetenkratzen

          Werke von Max Frisch und Kate Chopin treffen aufeinander: an zwei aufeinander­folgenden Abenden, an unterschiedlichen Enden Berlins, als Mo­no­loge von zwei bekannten Schauspielern – Anne Tismer und Matthias Brandt.

          Topmeldungen

          Foto von einer Zeremonie zum Start von Nord Stream 2 im Jahr 2010 in Russland

          Naftogaz-Chef zu Nord Stream 2 : „Ich glaube, dass Putin blufft“

          Der Chef des ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz spricht über Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas und warnt vor der Pipeline Nord Stream 2. Zudem erklärt Yuriy Vitrenko, warum er in dieser Situation auf die Energiewende hofft.
          Elisabeth Winkelmeier-Becker im Bundestag

          Interview über Paragraph 219a : „Es gibt kein Informationsdefizit“

          Die Vorsitzende des Rechtsausschusses Elisabeth Winkelmeier-Becker kritisiert, dass die Ampel das Verbot der Werbung für Abtreibungen streichen will. Ein Gespräch über die Rechte von Müttern und den Schutz des ungeborenen Lebens.