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„Tristan und Isolde“ in Köln : Wie hoch man doch sinken kann

Im Bühnenbild von Darko Petrovic ist das Gürzenich-Orchester auf halber Höhe plaziert, unter der Kabinenreihe. Wir blicken also in den Maschinenraum, der mit der Brücke zusammenfällt. Denn in der Mitte ragt der Kapitän empor, Generalmusikdirektor François-Xavier Roth, dessen ausladende Gestik einen aparten Kontrast zum Schreiten des höfischen Personals über dem Meeresspiegel bietet. Unter der Orchesterbrücke erstrecken sich die Schrecken der Tiefe. Auf einen Wald von Pyramiden mit durchscheinenden Wänden wird ein schwarzweißes Gewoge projiziert. Die grotesken Stachelkörper bilden zugleich selbst die Wellen ab, erstarrt wie bei Caspar David Friedrich.

Landgang illusorisch

Im Illustrativen erschöpft sich der Sinn dieser Kulisse nicht. Die aggressive Räumlichkeit wie aus einem mit neptunischer Gewalt angetriebenen 3D-Drucker macht im Kontrast deutlich, wie flächig, nach Art des mechanisch bewegten Bilderbogens einer magischen Laterne, das Treiben an Bord ist. Der deprimierende Realismus des Schiffsmodells wird durch den gezackten Vorbau phantastisch gerahmt. Man kann die Dachlandschaft eines brutalistischen Schulgebäudes assoziieren. Jedenfalls hat die Verwirrung des Orientierungsvermögens Methode. In diesem Stück wird das Oberste nach unten gespült.

Tristan und Isolde gehen nie an Land. Während Tristan im dritten Aufzug der Ankunft Isoldes entgegenfiebert, befindet er sich in der Kölner Inszenierung selbst auf tiefer See. Und das Liebesduett des zweiten Aufzugs erweist sich als Hymnus auf das Meer. „In ungemessnen Räumen“ ereignet sich die Vereinigung der beiden, für keinen Landvermesser zugänglich.

Und wir? Wie ergeht es uns? Wir vereinigen uns nicht mit den Liebenden, sondern erleben ihre Geschichte – als Kunstwerk. Die Aufführung stellt das Orchester in den Raum, weil die Handlung, die dem auf prosaische Verrichtungen reduzierten Bühnengeschehen entzogen worden ist, im Orchester stattfindet. Aber wir hören, dass die Chiffren des Maßlosen mit einer Kunst hervorgebracht werden, in der das Metrum regiert. Unter Roths Händen ist das Elementare eine Steigerungsform des Agilen. Die Ausfahrt ins Unendliche klingt stellenweise nach einer Heimkehr vom Ball. Was für ein Glück: eine Gesellschaftsmusik nur für zwei.

Statt trügerische Tonbilder der Entgrenzung durch Verwischung zu produzieren, artikulieren die Sänger hervorragend. Peter Seiffert in seiner Paraderolle des Tristan versteht es, die Stimme in prägnanten Momenten umzustülpen, einen Sprechton hervorzuholen, den lakonischen Urlaut der heroischen Passion. Karl-Heinz Lehner ist ein imposanter Marke, Samuel Youn ein kraftvoller Kurwenal.

Warm und rund ist der Alt von Claudia Mahnkes Brangäne: So verführerisch soll in Richard Wagners verkehrter Welt das Versprechen der Sicherheit klingen. Großartig gelingt das Rollendebüt von Ingela Brimberg als Isolde. Ihre Stimme gleicht einem vibrierenden Strahl, energisch und beweglich zugleich. Die Absage an den falsch prangenden Tag und „seines Gleißens Trug“ singt sie mit abgedunkeltem Ton, den Schlussmonolog, vor dem Orchester stehend, umso heller.

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