https://www.faz.net/-gqz-qx0n

„Tristan“ in Bayreuth : Viele Lampen, wenig Erleuchtung

  • -Aktualisiert am

Isolde und Tristan: Nina Stemme, Robert Dean Smith Bild: AP/Bayreuther Festspiele, Joerg Schulze

Beifall für die Sänger, Buhgebrüll für die Regie: Mit „Tristan und Isolde“ sind die Bayreuther Festspiele eröffnet worden. Die Melancholie Christoph Marthalers verschwand in der Weite der Bühnenräume und mehr noch in den entfesselten Tonfluten.

          Während des Vorspiels öffnet sich bereits der Vorhang. Dunkles Licht, das langsam heller wird. Man erblickt einen Gesellschaftsraum mit vielen Stühlen, Sesseln und zwei langen, geschwungenen Sofas. Hinten erscheinen hinter Scheiben Figuren. Eine Tür befindet sich in der Mitte. Dann kommt Leben in den Saal, der offensichtlich im oberen Deck eines alten Ozeandampfers liegt. Hoch oben jedenfalls suggerieren viele kleine bewegliche Lampen Sternenhimmel und gleitende Fahrt. Aus den Sesseln erheben sich Isolde und Brangäne.

          „Wer wagt mich zu höhnen?“, fragt Isolde schneidend - seit Birgit Nilssons Abgang von der Bühne vernimmt man diese Kampfansage an die Männerwelt nurmehr als undeutliches Singgurgeln, wie auch jetzt wieder bei Nina Stemme. Isolde und Brangäne, die von Tristan und Kurwenal gen König Markes Land geleitet werden, wirken depressiv. Isolde tobt sich, während sie zunehmend in Rage gerät, an den Stühlen aus. Brangäne (Petra Lang, auch sehr laut und undeutlich in der Artikulation) richtet die umgeworfenen Möbel brav wieder auf. Regisseur Christoph Marthaler liebt solche minimalistischen Requisitenspiele, um eine bestimmte Atmosphäre zu bezeichnen. Als Kurwenal (im Schottenkostüm Andreas Schmidt) erscheint, nimmt dieser auf zwei oder drei Stühlen Sitzproben, besteigt bramabarsierend einen weiteren und wirft den nächsten ebenfalls um. Marthaler beginnt, Tristan und Isolde seinen Inszenierungsmustern zu unterwerfen.

          Mächtig aufgedreht

          Anders geht es bei der Musik zu. Bayreuth-Neuling Eiji Oue dreht nach einem spannungslos musizierten Vorspiel alsbald mächtig auf. Es lärmt gewaltig aus dem mystischen Abgrund, die Sängerinnen singschreien mit vollen Lungen dagegen an, man versteht kaum ein Wort, was doch gerade im ersten Akt bei der Darlegung der zurückliegenden Geschehnisse wichtig wäre. Eiji Oue übersieht auch in der Folgezeit die symphonische Grundstruktur des Werkes: die Singstimmen wachsen gleichsam wie obligate Stimmen aus dem orchestralen Geschehen hervor, bleiben stets eng mit diesem verbunden, in einer vokalen und instrumentalen Klangeinheit. Bei Oue überbrüllt das Orchester entweder die Stimmen, oder der Orchesterklang wird zur Geräuschkulisse herabgesäuselt, wie in den lyrischen Passagen des nächtlichen Aktes. Bei den dramatischen Ausbrüchen im dritten Akt hat man fast den Eindruck, die „Tristan“-Komposition stamme von Tschaikowsky: man hört eher neurasthenische Sequenzierungen denn präzise konturierte Klangexpansionen.

          Stühle, viele Stühle

          Auf diese Weise geraten nicht nur die Sänger oft in Bedrängnis und müssen sich deshalb in forciertes Lautsingen retten. Robert Dean Smith singt und agiert den weidwunden Helden auf eher konventionelle Manier. Die musikalische Darstellung, wenn man es denn so nennen will, gerät auch in einen seltsamen bis komischen Kontrast zur Inszenierung von Christoph Marthaler und seiner Ausstatterin Anna Viebrock. Was den beiden Inszenatoren seinerzeit in ihrer Inszenierung von Debussys „Pelleas et Melisande“ in Frankfurt so genialisch gelungen ist - die symbolistische Märchenfabel in ein Psychogramm des Fin de siecle und dessen todmüden Bürgertums zu überführen -, stieß hier schon von der Musik her auf Schwierigkeiten: Debussys komponierte Implosionen und Wagners nach außen drängende Emotionalität sind zwei konträre Phänomene, die sich aber mit einer klaren Konzeption durchaus aufeinander zu bewegen können. Debussys Pelleas-Musik besitzt auch expansive gestische Merkmale, die vor allem jäh und gefährlich aufblitzen, während Wagners „Tristan“-Musik auch nach innen gewandte Klangimaginationen aufweist.

          Disparater Eindruck

          Wenn Marthaler und Viebrock also ein Dirigent zur Seite gestanden hätte, der verstanden hätte, die melancholische Innenschau von Szene und Figuren musikalisch mitzureflektieren, dann würde die Aufführung vielleicht einen weniger disparaten Eindruck hinterlassen haben. So aber hing die Inszenierung, bedrängt von einer konfusen musikalischen Begleitung - das Wort „Interpretation“ möchte in diesem Zusammenhang vermeiden -, gleichsam oft hilflos in der Luft. Die Darstellung von Einsamkeit, Verlorenheit, Verletzung von Gefühlen, zerstörten Beziehungen, also auch sehr heutigen Erscheinungen des menschlichen Lebens, verlor sich immer mehr in komische Einfälle und grotesk wirkende Albernheiten. Marthalers Melancholie, die Shakespeares Komödien sehr nahe steht, verschwand in der Weite der Bühnenräume und mehr noch in den entfesselten Tonfluten.

          So blieben nur noch Schemen von den Figuren, Schattenrisse, wie das Liebespaar vor der hinteren erleuchteten Tür des variierten Einheitsraumes. Später verharren Tristan und Isolde dann im leeren Raum auf zwei einsamen Sitzhockern im großen Duett, schreiten auch schon einmal, meistens auseinanderstrebend, durch den verlassenen Saal. Nina Stemmes Isolde und Robert Dean Smith als Tristan wirken in gelbem Jackenkleidchen und blauem Einreiher wie das Liebespaar von nebenan, und die alte Frage stellt sich wieder, wie wohl diese himmelstürmende Liebe aussehen würde, müßten die beiden morgens zur Arbeit gehen.

          Klein und falsch

          Marthalers Regiekunst mißachtet ihren dramaturgischen Faltenwurf. Alle und alles wird plötzlich klein, auch falsch. Melot ist zwar ein Verräter aus Eifersucht, aber sicher kein forstbeamteter Blockwart, wie ihn Alexander Marco-Buhrmester hier darstellt. Daß Kurwenal bei Andreas Schmidt körperlich und stimmlich zunehmend verfällt, könnte man sogar plausibel erklären: Mit dem Herrn stirbt auch der Diener, der allein in und durch seinen Herrn lebt. Der König Marke von Kwangchul Youn, im eleganten grauen Mantel, mit klarer Diktion und nicht immer geschmeidig-linear singend, blieb im Rahmen der Inszenierung eine etwas zu schmale Gestalt.

          Am Ende, wenn der sterbende Tristan aus seinem gattergesicherten Siechenbett im schäbigen Souterrain mit den kaputten Lampen an den Stangen gekrochen ist, Isolde zu spät kommt, danach sich zwecks Liebestod (passabel gesungen) auf Tristans Krankenlager legt und sich die Bettdecke über den Kopf zieht, stehen die anderen Personen mit dem Gesicht zur Wand im Kreis um den Raum. Sie mögen es wohl nicht mehr mit ansehen. Eigentlich müßten sie sich auch noch die Ohren zuhalten. Wie heißt es im Kino? Klappe, Aus! Hier müßte man noch ergänzend Lampen aus, stürmischer Beifall für die Sänger, weniger Zustimmung für den Dirigenten, der sogar den heiligen Bayreuther Bühnenboden mit einem Kuß bedenkt, und Buhgebrüll für das Inszenierungsduo hinzufügen.

          Weitere Themen

          Alles gar nicht so gemeint

          Politik und Pop : Alles gar nicht so gemeint

          In der Popmusik sind immer schon politische und soziale Konflikte ausgehandelt worden. Derzeit geschieht das aber härter denn je. Zwei neue Bücher ergründen, warum das so ist.

          Topmeldungen

          Die saudische Ölraffinerie in Abqaiq nach dem Anschlag

          Attacken auf Ölanlagen : Der Krieg, in den Trump nicht ziehen will

          Der amerikanische Präsident bleibt nach den Attacken auf saudische Erdölanlagen zögerlich. Einen Schlag gegen Iran scheut Trump – und überlässt die Entscheidung über das weitere Vorgehen Riad.
          Oftmals dauert die Diagnostik im Krankenhaus im Falle einer Sepsis zu lange – was zum Tod des Patienten führen kann. (Symbolbild)

          Tödliche Infektion : Ein Kampf um jede Stunde

          An einer Sepsis sterben jedes Jahr zehntausende Menschen. Fachleute kritisieren, dass es in Deutschland noch keine nationale Strategie gibt, um mehr Menschen retten zu können.
          Bayern, nicht Boston: Der sogenannte Additive Campus von GE in Lichtenfels.

          Von Deutschland aus : General Electric macht im 3D-Druck Tempo

          Trotz Krise hält der Industriekonzern aus Amerika an der Zukunftstechnologie fest und eröffnet eine neue Fertigung – im bayerischen Lichtenfels. Dabei war die allgemeine Begeisterung schon größer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.