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„Tristan“ in Bayreuth : Viele Lampen, wenig Erleuchtung

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Disparater Eindruck

Wenn Marthaler und Viebrock also ein Dirigent zur Seite gestanden hätte, der verstanden hätte, die melancholische Innenschau von Szene und Figuren musikalisch mitzureflektieren, dann würde die Aufführung vielleicht einen weniger disparaten Eindruck hinterlassen haben. So aber hing die Inszenierung, bedrängt von einer konfusen musikalischen Begleitung - das Wort „Interpretation“ möchte in diesem Zusammenhang vermeiden -, gleichsam oft hilflos in der Luft. Die Darstellung von Einsamkeit, Verlorenheit, Verletzung von Gefühlen, zerstörten Beziehungen, also auch sehr heutigen Erscheinungen des menschlichen Lebens, verlor sich immer mehr in komische Einfälle und grotesk wirkende Albernheiten. Marthalers Melancholie, die Shakespeares Komödien sehr nahe steht, verschwand in der Weite der Bühnenräume und mehr noch in den entfesselten Tonfluten.

So blieben nur noch Schemen von den Figuren, Schattenrisse, wie das Liebespaar vor der hinteren erleuchteten Tür des variierten Einheitsraumes. Später verharren Tristan und Isolde dann im leeren Raum auf zwei einsamen Sitzhockern im großen Duett, schreiten auch schon einmal, meistens auseinanderstrebend, durch den verlassenen Saal. Nina Stemmes Isolde und Robert Dean Smith als Tristan wirken in gelbem Jackenkleidchen und blauem Einreiher wie das Liebespaar von nebenan, und die alte Frage stellt sich wieder, wie wohl diese himmelstürmende Liebe aussehen würde, müßten die beiden morgens zur Arbeit gehen.

Klein und falsch

Marthalers Regiekunst mißachtet ihren dramaturgischen Faltenwurf. Alle und alles wird plötzlich klein, auch falsch. Melot ist zwar ein Verräter aus Eifersucht, aber sicher kein forstbeamteter Blockwart, wie ihn Alexander Marco-Buhrmester hier darstellt. Daß Kurwenal bei Andreas Schmidt körperlich und stimmlich zunehmend verfällt, könnte man sogar plausibel erklären: Mit dem Herrn stirbt auch der Diener, der allein in und durch seinen Herrn lebt. Der König Marke von Kwangchul Youn, im eleganten grauen Mantel, mit klarer Diktion und nicht immer geschmeidig-linear singend, blieb im Rahmen der Inszenierung eine etwas zu schmale Gestalt.

Am Ende, wenn der sterbende Tristan aus seinem gattergesicherten Siechenbett im schäbigen Souterrain mit den kaputten Lampen an den Stangen gekrochen ist, Isolde zu spät kommt, danach sich zwecks Liebestod (passabel gesungen) auf Tristans Krankenlager legt und sich die Bettdecke über den Kopf zieht, stehen die anderen Personen mit dem Gesicht zur Wand im Kreis um den Raum. Sie mögen es wohl nicht mehr mit ansehen. Eigentlich müßten sie sich auch noch die Ohren zuhalten. Wie heißt es im Kino? Klappe, Aus! Hier müßte man noch ergänzend Lampen aus, stürmischer Beifall für die Sänger, weniger Zustimmung für den Dirigenten, der sogar den heiligen Bayreuther Bühnenboden mit einem Kuß bedenkt, und Buhgebrüll für das Inszenierungsduo hinzufügen.

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