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Premiere am DNT Weimar : Von kaltherzigen Kali-Klauern

Unbefangen ambivalent: Das junge Weimarer Ensemble Bild: Candy Welz/DNT

Held oder nicht Held, das ist hier die Frage: Das Deutsche Nationaltheater in Weimar arbeitet mit „Treuhandkriegspanorama“ den Umbruch im Osten auf.

          3 Min.

          Im Sommer 1993 halten in Bischofferode 40 hungerstreikende Kalikumpel drei Monate lang die Republik in Atem. Die Weltpresse sendet live aus dem kleinen Ort im Eichsfeld im Nordwesten Thüringens, der zum Symbol für den Umgang der Treuhand mit einstigen DDR-Unternehmen wird. Erstmals nimmt nun auch die Öffentlichkeit im Westen wahr, was sich seit drei Jahren im Osten abspielt, und die Politik – damals noch im fernen Bonn – versucht, von den Bildern aufgeschreckt, den Kurs zu korrigieren. Allein: es ist zu spät, denn zu der Zeit hat die von Westdeutschen geführte Treuhand bereits den größten Teil der ihr unterstellten 8500 Betriebe mit rund vier Millionen Beschäftigten privatisiert oder – in den meisten Fällen – abgewickelt. Es ist eine in Friedenszeiten nie gekannte Umwälzung, die zu enormen Verwerfungen führt, die bis in die heutige Zeit reichen.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Im Hier und Jetzt beginnt auch das Stück, das Thomas Freyer (Autor) und Jan Gehler (Regie) am Deutschen Nationaltheater Weimar auf die Bühne bringen. Beide stammen aus Thüringen und haben die Transformationszeit als Jugendliche miterlebt. Im Stück kehrt der 40 Jahre alte Sohn zurück ins Eichsfeld zu den Eltern. Der Vater, einst ein um seinen Job kämpfender Kalikumpel, liegt mit Lungenembolie im Koma. Die Mutter, gelernte Erzieherin, verdingte sich nach dem Umbruch notgedrungen an einer Baumarktkasse. 30 Jahre später gräbt sich nun der Sohn ein in das penibel geführte Archiv des Vaters, forscht in der familiären Vergangenheit, will wissen, wie seine Eltern die Transformationszeit erlebt haben und warum es ihnen so schwerfällt, damit ihren Frieden zu machen.

          Brillant gespielte Rückblicke

          „Treuhandkriegspanorama“ hat Freyer sein Stück genannt, angelehnt an das monumentale Bauernkriegspanorama im nahen Bad Frankenhausen, in dem der Bauernführer Thomas Müntzer eine Hauptrolle spielt. Nach ihm war das Kalibergwerk in Bischofferode benannt. Herausgekommen ist rasantes und höchst ambivalentes Dokumentar­theater, in dem Müntzers radikaler Kampf für die Befreiung der Bauern als erinnerungspolitischer Kontrast dient. Immer wieder werden Gemäldeszenen auf die mächtigen, aus Reißwolfpapierstreifen gepressten Ballen projiziert, die wie historischer Ballast auf der Bühne hin- und hergeschoben werden. Die SED hatte Müntzer zum Vorkämpfer einer historisch zwangsläufig im Sozialismus mündenden Ordnung stilisiert, die 1989 spektakulär scheiterte.

          Vieles, woran die Eltern womöglich geglaubt, wofür sie gelebt und was sie aufgebaut haben, war auf einmal nichts mehr wert. Das sind tragische Erfahrungen, und womöglich wäre das Stück noch vor wenigen Jahren als populäre Anklage- oder Opfergeschichte erzählt worden. Dieser Falle entgehen die Macher jedoch zum Glück. In brillant gespielten Rückblicken werden der in der DDR 1989/90 umjubelte Bundeskanzler Helmut Kohl, der laute Ruf vieler Ostdeutscher nach der D-Mark und einem möglichst raschen Beitritt zur Bundesrepublik noch einmal lebendig.

          Mehr als eine Milliarde Mark Steuergeld

          „Mit der Opfererzählung kommt man nicht weit“, erläuterte Autor Thomas Freyer im Vorfeld der Premiere in der „Thüringischen Landeszeitung“. „Es gibt eine Eigenverantwortung, ohne dass man sagen könnte, alle hätten genau gewusst, was sie mit dem Westen kriegen.“ Ja, Freyer geht sogar so weit, sowohl den Heldenstatus der Kalikumpel als auch die von ihnen usurpierte Ubiquität („Bischofferode ist überall“) infrage zu stellen. „Die heldenhaften Kalikumpel“, lässt er den Sohn zum Vater sagen, „ihr wart nur ein Beispiel. Und kein gutes.“ Auf der Bühne ist zu sehen, wie die Frauen, die mit der Abwicklung der Betriebe oft zuerst auf der Straße standen, weil die an Unternehmen angegliederten Sozialeinrichtungen wie Kindergärten und Polikliniken aufgelöst wurden, das Familienleben am Laufen halten, während sich die Kalikumpel, die am Ende wenigstens noch hohe Abfindungen bekamen, ihrem Schmerz ergeben.

          Gleichwohl benennt das Stück auch die kalte Machtlogik, mit der die damals zu BASF gehörende westdeutsche Kaliindustrie in den Besitz der ostdeutschen Pendants gelangte, diese aufgrund der Überkapazitäten mit tatkräftiger Hilfe westdeutscher Gewerkschafter, die im Osten keine Basis hatten, dichtmachte und obendrein dafür mehr als eine Milliarde Mark Steuergeld einstrich. Das verdeutlichen prägnante Passagen aus Treuhand-Dokumenten sowie Tagebüchern des für die Abwicklung des Bergbaus zuständigen Treuhand-Direktors Klaus Schucht, aus denen die Protagonisten zitieren. Zur Authentizität trägt auch der Aufführungsort bei, der Maschinen- und Kesselsaal eines früheren Elektrizitätswerks, den das DNT als Nebenspielstätte nutzt.

          Ein besonderes Ereignis sind zweifellos die fünf jungen Schauspieler, die sich über den Abend verteilt immer wieder in ihren Rollen abwechseln und verschiedenste Protagonisten verkörpern. Fast alle sind in den Neunzigerjahren geboren und können schon deshalb unbefangen auftreten, weil sie nicht in den mentalen Schützengräben von damals stecken. Offensichtlich braucht es diesen zeitlichen Abstand, um zu einer nüchternen, aber gleichwohl berührenden Betrachtung der Wirklichkeit zu gelangen, wie sie das DNT in diesem zwei Stunden langen und jede Minute lohnenden Stück auf bemerkenswerte Weise liefert.

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