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Trauerfeier für Tabori : Man applaudierte ein bisschen ins Jenseits hinüber

  • -Aktualisiert am

Sein Platz, seine Requisiten: Taboris Regie- und Theaterthron Bild: dpa

Vor ein paar Tagen wurde er in Berlin beerdigt, verabschiedet jetzt vor vollem Haus. Mehr als zwei Dutzend Kollegen, Getreue, Darsteller traten an, um aus George Taboris Briefen und Schriften, Reden und Gedanken zu rezitieren. Herzzerreißend.

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          Der Anfang war herzzerreißend. Da stand auf der kahlen Bühne des Berliner Ensembles der goldene, mit rotem Samt gepolsterte Thron, auf dem der Dramatiker und Regisseur George Tabori so gern gesessen hatte, am liebsten als Zaungast seiner eigenen Inszenierungen. Eines seiner gemusterten Hütchen hing an der linken Armlehne, der Spazierstock an der rechten und über der Rückenlehne ein breiter Schal, wie er ihn oft trug. Fast sah es so aus wie an seinem neunzigsten Geburtstag, der hier im Mai vor drei Jahren gefeiert worden war. Aber der Mai ist vorbei, George Tabori am 23. Juli gestorben, sein Thron von nun an leer.

          Vor ein paar Tagen wurde er in Berlin beerdigt, verabschiedet jetzt bei vollem Haus. Mehr als zwei Dutzend Kollegen, Getreue, Darsteller traten an, um aus Taboris Briefen und Schriften, Reden und Gedanken zu rezitieren. Unters Publikum mischten sich Loriot, Bundespräsident Horst Köhler und Schauspielerinnen wie Jutta Lampe oder Miriam Goldschmidt. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hingegen saß mit stolzgeschwellter Brust zwischen prominenten Künstlern, von Senta Berger über Sunnyi Melles bis Tankred Dorst, auf der Bühne und verlas ein Schreiben Taboris an die Direktion der Salzburger Festspiele, in dem sich dieser 1978 gegen Zensur gewehrt hatte. Dafür zeigte der Politiker vor so viel Wahlvolk demonstrativ kein Verständnis und verschenkte vor lauter Empörung prompt die Schlusspointe.

          Tabori lächelte dazu still unterm Schnurrbart

          Auf dem verteilten Ablaufplan für den Abend hatte man Tabori durch ein falsches Datum schon einen Monat früher das Zeitliche segnen lassen. Gewiss hätte er darüber lediglich wieder einen seiner schrägen Scherze gemacht. „Meine Geburt war leicht, und das Gleiche erwarte ich von meinem Abgang“, zitierte ihn Claus Peymann, als Intendant nicht nur des Berliner Ensembles langjähriger Dienstherr Taboris. Jürgen Flimm gab später ein paar Briefe zum Besten, die der „Fremdling, der fremd bleiben“ wollte, an Peymann geschickt hatte. In einem hieß es: „Zwei Busen wohnen, ach, in meiner Seele.“ Jedoch war der muntere Schwerenöter und Weltverlacher freilich auch ein aufmerksamer politischer Kopf. In diesem Sinne trug die Verlegerin Maria Sommer, Tabori seit beinahe vierzig Jahren verbunden, seine Betrachtungen zum eigenen Anti-Vietnamkrieg-Stück „Pinkville“ vor.

          Niemand wurde persönlich, alle ließen den Humor, den Esprit und den Charme George Taboris in dessen Worten funkeln. Biographische Rückblicke überwogen, ob Cornelia Froboess von seiner durch unglaubliches Glück der Gaskammer entronnenen Mutter erzählte oder Andrea Breth an seine Tante Piroschka erinnerte, die dem jungen Mann 1932 die Hotelfachlehre in Deutschland bloß deshalb nicht verbot, weil sie auf Lessings „Nathan der Weise“ vertraute. In einigen Filmausschnitten sah man George Tabori plaudern, spaßen, schmunzeln, stoisch und zugleich hellwach. Günter Gaus indes war 1998 furchtbar aufgeregt und bedrängte ihn mit Fragen zur Person. Tabori lächelte dazu still unterm Schnurrbart.

          Ein Kreis, der alles Gesagte und alles Nichtgesagte einschloss

          Manfred Karge erntete mit Taboris Anmerkungen zu Brecht - ein Mann, der zu jeder Lösung ein Problem gefunden habe - trotzdem immer noch reichlich Heiterkeit. Angela Winkler, Therese Affolter, Peter Radtke, Walter Schmidinger, Michael Verhoeven, Robert Wilson - für jeden war aus der Fülle an Gedichten, Einwürfen, Witzen etwas dabei. Wer fertig war, legte das Blatt mit dem jeweiligen Text auf den verwaisten Thron. Den kleinsten Zettel hatte Ursula Höpfner in der Hand. Die Schauspielerin, Taboris Witwe, saß an der Seite und schien sich, manchmal vielleicht mit einem weinenden Auge, durchaus zu freuen. Was sie dann von ihrer kurzen Liste zum langen Abschied vortrug, bestand aus „Zehn bevorzugten Worten“. Deren erstes lautete „Leben“, es folgten: „Lieben - Lachen - Liegen - Warten - Hoffen - Kommen - Flüstern - Schreien“. Für den letzten Begriff schließlich breitete sie die Arme weit aus und beschrieb einen Kreis, der alles Gesagte und alles Nichtgesagte einschloss.

          Damit war die Tabori-Familie mit einer letzten Umarmung unwiderruflich entlassen. Man applaudierte noch ein bisschen ins Jenseits hinüber, um sich nicht sofort trollen zu müssen. Über der Spree aber leuchtete schön und ein bisschen traurig der Vollmond.

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