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Oper in München und Zürich : Gibst du mir das Leben wieder, nur um mich zu quälen?

Gesang als Sinn-Rest in einer Welt

Anna Viebrock hat ihm dafür einen rätselhaften Un-Ort gebaut, halb Café, halb Hotel, mit einem Lift, der zwar fährt, den zu rufen aber der Knopf in der Wand fehlt. Selige und unselige Geister schlurfen durch diesen Raum, übergeben eine Urne von einem zum andern und scheinen weitgehend dement zu sein. Nur wenn Musik erklingt, wenn der Chor singt, begleitet von der Philharmonia Zürich unter der Leitung von Stefano Montanari, oder der sonnig-goldige Sopran von Alice Duport-Percier als Amour durch die Flure flutet, dann hellen sich die Gesichter auf. Gesang als Sinn-Rest in einer Welt, deren Leben nur noch in verschütteten Erinnerungen stattfindet.

Es sind die Unter- und Zwischentöne, in denen Marthaler beschreibt, was ihn beunruhigt: die graue Demenz der Alltagsprosa, die im Gegenüber keinen Menschen mehr erkennt; das Elysium als Clubraum zuckender Drogenabhängiger, die Freude nur noch durch chemische Bewusstseinsmanipulation empfinden können; die Glückstropfen zum Cognacglas, die Euridice von einem Butler gereicht werden, der – mit Aktenkoffer und Formularen – aussieht wie ein Sterbenachhelfer.

Sicher, Marthaler ist ein unerhört musikalischer Regisseur. Er lässt die sensationelle Altstimme von Nadeshda Karjasina als Orphée in ihrer ultravioletten Tiefe und ihrer infraroten Wärme wirken, gönnt ihr Ruhe für ihre Wahnsinnskadenz beim Entschluss, in die Unterwelt zu fahren, um die tote Euridice wieder ins Leben zu holen; er schafft Ruhe, damit die harmonischen Ellipsen und figurativen Abbrüche in der Orchestermusik ihre eigene erzählerische Kraft entfalten können.

Aber er tut dies alles nur aus einem einzigen Grund: um zu zeigen, dass die Musik den letzten Sinn generiert in einem Leben und einem Theater, die vor lauter Sinnlosigkeit nicht mehr ein noch aus wissen. Euridice (Chiara Skerath mit innigem, wehmutssattem Sopran) besingt die heitere Schmerzlosigkeit der Toten im Elysium; und auch Orphée erfährt dieses Jenseits, in das der Lift ohne Knopf fährt und das doch nur ein Raum ohne Tapeten ist, in dem man den „Reigen seliger Geister“ als Wunschkonzertnummer im Radio für Tante Francesca zum 75. Geburtstag spielt, als schönen Ort. Deshalb wird die Frage von Euridice zur Grundsatzfrage: „Gibst du mir das Leben wieder, nur um mich zu quälen?“

Wozu leben in einer Welt von Sinn-Demenz und Sterbenachhelfern? Wozu noch Theater, wenn man nichts mehr zu erzählen hat? Orpheus stand einmal dafür, die Furien bezähmen und Steine zum Weinen bringen zu können. Marthaler nimmt den Mythos zum Anlass, eine Kunst zu zeigen, die keine Gegenwelten mehr erschaffen kann in einer Wirklichkeit, die das Leben völlig in die Verfügungsgewalt des Menschen gebracht hat.

Graham F. Valentine spricht ein paar Verse zum Schluss. Bei den Gebetszeilen „Dein ist das Reich“ und „Dein ist das Leben“ gerät er ins Stocken. „Auf diese Weise geht die Welt zugrunde, nicht mit einem Knall, sondern mit Gewimmer.“ Um die Wiederauferstehung der Euridice zu feiern, bringt der Lieferservice in Pappkartons Pizza. Iss das, ein Glück!

Beide Inszenierungen sind als Video on Demand auf www.staatsoper.de und www.opernhaus.ch noch ein paar Wochen lang abrufbar.

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