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Toshiki Okada in München : Traumspiel aus einem Land ohne Hoffnung

Hinter Schutzhüllen gefangen: Stefan Merki als untoter Investmentbanker in der Inszenierung von Toshiki Okada. Bild: Julian Baumann

Subtil und elegant inszeniert Toshiki Okada in Anlehnung an das traditionelle japanische „No-Theater“ im gleichnamigen Stück geisterhafte Begegnungen an den Münchner Kammerspielen.

          „In einer Metrostation“ heißt das berühmte Kurzgedicht von Ezra Pound, dem großen, formvollendenden amerikanischen Dichter. Es ist nur vierzehn Wörter lang und dringt doch ins Schicksalsinnere vor. In zwei Zeilen verfängt sich hier ein Moment: Die sich eilig verlierende Menschenmenge in der Pariser U-Bahn-Station „La Concorde“, die abwesenden Blicke und teilnahmslosen Mienen, die vielen vergeblichen Hoffnungen - Pound fasst sie 1912 in einen alles bestimmenden Satz: „Das Erscheinen der Gesichter in der Menge: Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Ast.“ Die Metapher wirkt ohne Zwang, kein plattes „wie“ stellt die Verbindung her, sondern ein Doppelpunkt trennt und bringt als Anspielung doch wieder zusammen, was an geheimer Bedeutung im Untergrund der Worte lagert. Das Leben ist Übergang, dazu verdammt, sich von der Zeitachse zu lösen, abzufallen, wenn der nasse Winter kommt.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Pound, so vermutet man, könnte durch einen Farbholzschnitt des japanischen Künstlers Suzuki Harunobu zu seiner Bildfantasie inspiriert worden sein. Sie zeigt eine Frau auf einer Balustrade, die mit einem Lampion die Blütenblätter eines herunterragenden Zweiges beleuchtet. Wenig später begann auch Pounds Beschäftigung mit dem japanischen No-Theater. Im Jahr 1917 gab er eine Auswahl jener traditionellen, im vierzehnten Jahrhundert entstandenen lyrischen Monodramen in englischer Übersetzung heraus und schrieb in einer Vorbemerkung dazu: Jedes No-Stück sei „auf die Potenzierung eines einzigen bestimmten Bildes hin angelegt“, seinen inneren Zusammenhalt erhalte es durch die „Einheit des Image“. Was er in der „Metrostation“ gesehen hatte, fand Pound im „No“ also wieder: die dramatische Signifikanz des Augenblicks.

          Trifft in „No-Theater“ auf die Geister der Ruhelosen: Thomas Hauser.

          Ohne expliziten Verweis auf Pound stellt jetzt der japanische Theatermacher Toshiki Okada in seinem an den Münchner Kammerspielen uraufgeführten Stück ebendiese Verbindung her. Seine Inszenierung trägt den programmatischen Titel „No-Theater“ und spielt „in einer Metrostation“. Frei nach den strengen Regeln der alten japanischen Theaterform (die Projektion einer Kiefer erinnert an die traditionelle No-Bühne) lässt Okada hier „Gesichter erscheinen“ und in ruhiger Gefasstheit andeuten, was für Geheimnisse sich hinter ihrer Oberfläche verbergen. Die U-Bahn-Station ist dabei ein Ort der Zwischenzeit, eine Transitzone, in der ein junger Mann von heute (gekonnt beklommen: Thomas Hauser) auf die rastlosen Geister der Vergangenheit trifft. Ein ehemaliger Investmentbanker von Goldmann Sachs (beängstigend reglos: Stefan Merki), der sich hier vor den Zug geworfen hat, weil er den Wahnsinn des Finanzgeschäfts nicht mehr aushielt, berichtet ihm von seinen Vergehen. Zählt all die Sünden auf, unter denen die nachfolgende Generation jetzt leidet. Die falsche Zinspolitik, das Wertpapierdesaster, der Verrat der Zentralbanken. „Was ist das für ein Gefühl, ein junger Mensch zu sein, in einem Land ohne Energie, das bergab geht, keine Hoffnung mehr kennt?“, fragt er und bittet um Vergebung, damit er endlich erlöst werde von seinem bösen Fluch.

          Kommentiert wird seine Rede von einer geheimnisvollen Bahnhofsangestellten, die in leicht verzögerten Schlürfschritten den Raum durchmisst und dabei ihre Sprache immer wieder zum Psalmengesang steigert. Jelena Kuljić spielt diese charonhafte Wächterin mit einer kontrollierten Schärfe, die trotz aller Ruhe und Gelassenheit gefährlich wirkt. Sie hebt nur kurz den Finger in die Höhe und lässt ihn wieder sinken. Mit dieser Mikrogeste führt sie ihn uns vor: den Sprung auf die totbringenden Gleise.

          Gefangen in der Metrostation: Jelena Kuljić, Thomas Hauser, Kazuhisa Uchihashi und Statisterie (v.l.n.r.).

          Der zweite Geist, dem der junge Mann in der Metrostation begegnet, ist eine junge Abgeordnete, die im Rathaus von männlichen Hinterbänklern gedemütigt und beleidigt wurde, als sie bei ihrer ersten Anhörung über die Geburtenschwäche im Land sprach. „Krieg doch selber erst mal welche, oder kannst du nicht?“, brüllten ihr feixend die Männer entgegen, und seitdem sucht sie - die Anna Drexler mit pinken Stöckelschuhen und Pferdeschwanz als wutberuhigten „Geist des Feminismus“ gibt - die Männer heim und stellt sie zur Rede. Sie ist eine bis in die letzte Faser beherrschte Märtyrerin, die für die Arglosigkeit des jungen Mannes, der immer nur nach dem richtigen Ausgang zur kostenlosen Aussichtsplattform fragt, nichts als Verachtung übrig hat. „Wie kannst du nur so wenig entzündbar sein“, fragt sie vorwurfsvoll, während ihre rechte Fußspitze imaginäre Zigarettenstummel in den Boden tritt.

          Eine Herausforderung für das Ensemble

          Okadas Inszenierung zieht ihre suggestive Kraft aus der Wiederholung streng kontrollierter Bewegungen und Gesten. Jeder Schritt ist mit Bedacht gesetzt, jeder Blick mit Absicht geworfen. Berührungen gibt es keine, alle Gefühle bleiben im Inneren verschlossen. Die Kunst besteht darin, die Empfindungen einerseits zu verbergen, andrerseits aber doch erkennbar zu machen. Die stilisierten Gesten und Gebärden helfen dabei, sich zu disziplinieren und zu reduzieren. Es geht nicht ums Auserzählen, sondern um die Andeutung. Ums Anspielen.

          Für die Ensemble-Schauspieler ist eine solche Vorgabe sichtbar ungewohnt und anstrengend, aber die Mühe lohnt sich. Denn was man an diesem Abend zu sehen bekommt, ist nicht nur eine willkommene ästhetische Abwechslung in einem Haus, das bisher nicht im Ruf stand, besonders auf das schöne Spiel zu achten, sondern eben auch eine ganz andere Art der bildhaft-symbolischen Erzählung. Es sind in alte Form gefasste Geschichten aus dem modernen Japan. Geschichten aus einem Land ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft: Während die Wirtschaft schrumpft, nimmt die sowieso schon überalterte Bevölkerung drastisch ab. Dazu kommt Fukushima - und eine wachsende außenpolitische Spannung. Okada schafft es, von alldem ein drängendes Gefühl zu geben, ohne es in deutscher Theatermanier zur banalen Politproklamation zu verkleinern. Trotz aller Modernisierung steht bei ihm die geheimnisvoll-symbolische Atmosphäre im Mittelpunkt, liegt über allem ein Hauch von yugen, jener besonderen Form der subtilen Schönheit und feinen Eleganz, die das traditionelle No-Theater im besten Fall auszeichnet.

          Okadas japanisches Traumspiel schließt damit an die Versuche etwa eines Yukio Mishima an, der in den fünfziger Jahren ebenfalls No-Spiele modernisierte, um vom gegenwärtigen Japan zu erzählen. Damals wurden aus Gärtnern Bürodiener und aus Prinzessinnen Mannequins. Heute sind Banker und Aktivistinnen die Protagonisten. Eines aber hat sich über die Zeiten nicht geändert: Ein glückliches Ende nimmt das Geschehen im No-Theater nie. Und so bleiben auch in München die Geister mit ihren unbeantworteten Fragen auf dem Bahnsteig zurück. Auf dass ein Nächster vorbeikomme und sie endlich befreie von ihrem Schicksal. Sie endlich abschüttle von diesem „nassen, schwarzen Ast“, genannt Leben.

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