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Toshiki Okada in München : Traumspiel aus einem Land ohne Hoffnung

Gefangen in der Metrostation: Jelena Kuljić, Thomas Hauser, Kazuhisa Uchihashi und Statisterie (v.l.n.r.).

Der zweite Geist, dem der junge Mann in der Metrostation begegnet, ist eine junge Abgeordnete, die im Rathaus von männlichen Hinterbänklern gedemütigt und beleidigt wurde, als sie bei ihrer ersten Anhörung über die Geburtenschwäche im Land sprach. „Krieg doch selber erst mal welche, oder kannst du nicht?“, brüllten ihr feixend die Männer entgegen, und seitdem sucht sie - die Anna Drexler mit pinken Stöckelschuhen und Pferdeschwanz als wutberuhigten „Geist des Feminismus“ gibt - die Männer heim und stellt sie zur Rede. Sie ist eine bis in die letzte Faser beherrschte Märtyrerin, die für die Arglosigkeit des jungen Mannes, der immer nur nach dem richtigen Ausgang zur kostenlosen Aussichtsplattform fragt, nichts als Verachtung übrig hat. „Wie kannst du nur so wenig entzündbar sein“, fragt sie vorwurfsvoll, während ihre rechte Fußspitze imaginäre Zigarettenstummel in den Boden tritt.

Eine Herausforderung für das Ensemble

Okadas Inszenierung zieht ihre suggestive Kraft aus der Wiederholung streng kontrollierter Bewegungen und Gesten. Jeder Schritt ist mit Bedacht gesetzt, jeder Blick mit Absicht geworfen. Berührungen gibt es keine, alle Gefühle bleiben im Inneren verschlossen. Die Kunst besteht darin, die Empfindungen einerseits zu verbergen, andrerseits aber doch erkennbar zu machen. Die stilisierten Gesten und Gebärden helfen dabei, sich zu disziplinieren und zu reduzieren. Es geht nicht ums Auserzählen, sondern um die Andeutung. Ums Anspielen.

Für die Ensemble-Schauspieler ist eine solche Vorgabe sichtbar ungewohnt und anstrengend, aber die Mühe lohnt sich. Denn was man an diesem Abend zu sehen bekommt, ist nicht nur eine willkommene ästhetische Abwechslung in einem Haus, das bisher nicht im Ruf stand, besonders auf das schöne Spiel zu achten, sondern eben auch eine ganz andere Art der bildhaft-symbolischen Erzählung. Es sind in alte Form gefasste Geschichten aus dem modernen Japan. Geschichten aus einem Land ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft: Während die Wirtschaft schrumpft, nimmt die sowieso schon überalterte Bevölkerung drastisch ab. Dazu kommt Fukushima - und eine wachsende außenpolitische Spannung. Okada schafft es, von alldem ein drängendes Gefühl zu geben, ohne es in deutscher Theatermanier zur banalen Politproklamation zu verkleinern. Trotz aller Modernisierung steht bei ihm die geheimnisvoll-symbolische Atmosphäre im Mittelpunkt, liegt über allem ein Hauch von yugen, jener besonderen Form der subtilen Schönheit und feinen Eleganz, die das traditionelle No-Theater im besten Fall auszeichnet.

Okadas japanisches Traumspiel schließt damit an die Versuche etwa eines Yukio Mishima an, der in den fünfziger Jahren ebenfalls No-Spiele modernisierte, um vom gegenwärtigen Japan zu erzählen. Damals wurden aus Gärtnern Bürodiener und aus Prinzessinnen Mannequins. Heute sind Banker und Aktivistinnen die Protagonisten. Eines aber hat sich über die Zeiten nicht geändert: Ein glückliches Ende nimmt das Geschehen im No-Theater nie. Und so bleiben auch in München die Geister mit ihren unbeantworteten Fragen auf dem Bahnsteig zurück. Auf dass ein Nächster vorbeikomme und sie endlich befreie von ihrem Schicksal. Sie endlich abschüttle von diesem „nassen, schwarzen Ast“, genannt Leben.

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