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„Tosca“ in Frankfurt : Puccini, der Fortschrittliche

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Der Bösewicht vor Bühnenkirchenmännern: Jason Howard als Scarpia Bild:

Kirill Petrenko als Dirigent, der Puccinis Musik vom kitschnahen Wohlfühl-Belcanto freizuhalten weiß, beachtliche sängerische Leistungen und eine nur teilweise gelungen Inszenierung: Eine neue „Tosca“ an der Frankfurter Oper.

          Man könnte dieses Stück für das schlechte Klischee einer Oper halten. Umwabert von Weihrauchdunst und übertönt von den Schmerzensschreien zweier an Leib und Seele gefolterter Protagonisten, entspinnt sich da eine Handlung voller Intrigen, Eifersucht und Verrat, die bedenkenlos zwischen Thriller, Herzschmerzdramolett und Kolportagetheater irrlichtert. Das alles wird vermeintlich beglaubigt durch den drastischen Bühnenrealismus des italienischen „Verismo“, durch reale historische Hintergründe und drei ebenso real existierende Handlungsorte im politisch hochexplosiven Rom des Jahres 1800. Und dann die Musik! Giacomo Puccini spielt so brillant auf der Klaviatur der Effekte, dass ein Gustav Mahler, gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen, das doppelsinnige Wort vom „Meistermachwerk“ prägte.

          Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – ist diese Oper eine der populärsten des gesamten Repertoires, mit einer Rezeptionsgeschichte, bei der einem allein schon angesichts der illustren Sängerinnen der Titelrolle ganz schwindelig werden kann. Jede neue „Tosca“ ist folglich ein Wagnis, aber auch ein besonderer Leistungsnachweis für das jeweilige Opernhaus. An der Oper Frankfurt kam nun erschwerend hinzu, dass die Vorgängerinszenierung von Alfred Kirchner ausgesprochen hoch in der Gunst des Publikums stand. Mit Kirill Petrenko, dem designierten Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, und dem in Schauspiel wie Musiktheater gleichermaßen erfahrenen Regisseur Andreas Kriegenburg war daher ein Produktionsteam aufgeboten, das zumindest auf dem Papier hohe Erwartungen weckte.

          Souverän disponierender Dirigent

          Eingelöst wurden die freilich nur zum Teil. Der von den Premierenbesuchern heftig akklamierte Petrenko gab an diesem Abend sein Werk-Debüt – mit allen Vor- und Nachteilen, die ein solcher Einstand mit sich bringen kann. Petrenko ist fraglos ein außergewöhnlich souverän disponierender Dirigent, der die Partitur hörbar aufs genaueste analysiert hat und sein Recht der ersten Nacht dementsprechend bereits zu einer sehr eigenständigen Aussage nutzt. Dies ist gerade nicht der Puccini der Herzschmerzmelodien, den falsch verstandene Rührseligkeit gefährlich nah an die Kitschgrenze zu rücken pflegt, sondern der stets auf Neues begierige Zeitgenosse von Debussy und Richard Strauss, der über deren wegweisende Harmonik und Dissonanzbehandlung genauso im Bilde war wie später über die Errungenschaften Schönbergs und Strawinskys.

          So hört man in Frankfurt weniger ein Mach- als ein wirkliches Meisterwerk, expressiv zugespitzt im geradezu demonstrativen Verzicht auf alles eingängige Wohlfühl-Belcanto. Umso deutlicher wird, was für ein avancierter Instrumentationskünstler der Lebemann aus Lucca war – das Frankfurter Museumsorchester stellt das mit beeindruckender Transparenz, hingebungsvollen Soli und einem selbst im äußersten Fortissimo nie brüllenden Klang unter Beweis. Die Kehrseite dieser modernen Puccini-Sicht ist bei Petrenko freilich (noch) das Fehlen jedes echten Sentiments und dramaturgisch nötiger Ruhepunkte. Im Eifer der ersten Begeisterung klingt die Musik bei ihm fast ständig so überbunt und detailbetont wie ein Film in Technicolor – was vor allem in den ersten beiden Akten zu Lasten eines übergreifenden Spannungsbogens geht.

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