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Tom Jones in der Alten Oper : Dieser Gentleman ist ein Rocker

Stil hat er: Tom Jones zeigt bei seinem Konzert in Frankfurt, dass er nichts verlernt hat. Bild: dpa

Tom Jones triumphiert in der Frankfurter Alten Oper mit einer genialen Show. Eine Neun-Mann-Combo hinter sich, zeigt er mit neuem Minimalismus, dass ihn sein guter Dämon nicht verlassen hat.

          3 Min.

          Er beginnt mit „Burning Hell“. Das war noch nie ein kleines Liedchen, sondern ist eine harte Ansage über Vergänglichkeit und Schicksal. Tom Jones stellt damit sofort klar, wer in den nächsten knapp zwei Stunden die Bühne rocken wird. Hier ist der Mann mit seiner noch immer grandiosen Stimme, der seinem Publikum alles gibt und sich selbst ganz offensichtlich das Vergnügen an der ganz großen Show. Und dieser Mann ist ein Rocker mit Leib und Seele. Er lässt den Klassiker „Mama Told Me (Not to Come)“ folgen, den Randy Newman vor fast fünfzig Jahren für Eric Burdon & The Animals schrieb. Tom Jones weiß genau, in welche Linie er sich damit einreiht, und er singt das hintergründige Stück als so schwarzen Blues, wie es ein weißer Mann aus Europa eben nur kann.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Es ist das erste Konzert seiner aktuellen Tour in Deutschland. Der ausverkauften Alten Oper exerziert er vor, was ein Spannungsbogen ist. „Why Don’t You Love Me“ (klar, die alte Klage von Hank Williams) lässt die spröde Frankfurter Location langsam mit ihm warmlaufen, und wer Spaß an der Selbstironie dieses Entertainers von Gnaden hat, jault angesichts der Zeilen „my hair’s still curly and my eyes are still blue“ ein bisschen dazwischen. Viel britischen Hintersinn hat der Mann, den die Queen 2006 geadelt hat und der vor drei Jahren gemeinsam mit anderen Pop-Granden des Empire vor dem Buckingham-Palast zu ihrem diamantenen Thronjubiläum aufspielte. Und wahrlich Stil hat er, wie er da vorne, ganz in Schwarz gekleidet und nur dezent mit Silber geschmückt, die Zuschauer auf seine Seite holt.

          Perfekte Inszenierung mit gewaltigem Sound

          Die mussten ein wenig warten, bis sie den ersten Knaller bekamen; dann reichen zwei Takte, und der Jubel bricht los. Doch Tom Jones lässt die „Sex Bomb“, die ihn im Jahr 2000 noch einmal ganz nach oben in die Charts brachte, gewissermaßen in Zeitlupe explodieren. Der gepflegte Herr da vorne weiß, was sich geziemt. Der „Tiger“ von einst beschleunigt dann genial ökonomisch, und entsprechend sind auch seine Bewegungen. Im Hintergrund der Bühne auf der Videowand laufen Monitore mit ihm und seinen Auftritten über die Jahre hin. Aber herumgezappelt hat er sowieso nie; er muss wohl diesen unbewussten Schwerpunkt in sich haben, der ihn vor ungelenken Bewegungen feit, nun umso mehr, da er sparsam damit verfährt. Ihn, der jetzt 75 Jahre alt ist, hat dieser gute Dämon nicht verlassen. Auch „Delilah“ lässt er nicht aus, die schönste, seit 1968 unsterbliche Eifersuchtsmordstory der Schlagergeschichte, die dem Namen der biblischen Töterin gewidmet ist. Jones muss bloß mit „I saw the light“ anheben, da gerät die holzvertäfelte Arena in Verzückung, bleibt aber überwiegend noch in den Sitzen, was schade ist, weil so viel Power stehende Huldigung verdient.

          Das Licht der Nacht: Im Unterhaltungsgeschäft darf man sich nicht selbst klein machen.

          Es ist eine perfekte Inszenierung an diesem Sommerabend, zu der die Band ihren gewaltigen Sound beisteuert. Tom Jones hat eine Neun-Mann-Combo hinter sich, die alles kann, was Rock ’n’ Roll heißt, von Blues über Country und Funk bis hin zu den Gassenhauern, die sie mit sanfter Ironie umspült. „It is a great horn section“, sagt Tom Jones einmal in Richtung seines Bläsersatzes, selbst voller Bewunderung. Die Band zieht auch da mit, wo er sich neben einen anderen starken Mann des Gewerbes stellt, Leonard Cohen. Er macht dessen „Tower of Song“ zum persönlichen Tribut an die heroischen Vorgänger in der Musik und die Frauenverfallenheit. Es gibt nicht viele, die sich über ein Lied wie dieses hermachen dürfen, samt jenem „I was born with the gift of a golden voice“.

          In seiner eigenen Liga

          Was Cohen dabei bis heute auf seine sehr spezielle Art kompensiert, stimmt für Jones allerdings unbestreitbar, und es ist sehr in Ordnung, dass ihm die Alte Oper dafür begeistert Zwischenapplaus und Gejohle spendet. Bei „You Can Leave Your Hat on“ (das übrigens wieder Randy Newman 1972 schrieb) gewinnt Tom Jones der ziemlich verfahrenen Situation, die in dem Lied geschildert ist, ihren tieferen Witz ab; er amüsiert sich sichtlich über sich selbst. Berühmt wurde er ja nicht gerade für seine physische Zurückhaltung auf der Bühne. Aber es gelingt ihm, die Erinnerungen daran aufzurufen in seinem außerordentlich eleganten Minimalismus. Die Verzögerung, der Aufschub, das waren schon immer die Markenzeichen des Eros, und Tom Jones ohne Sex wäre so unvorstellbar wie langweilig. Die Kultiviertheit, in die er das Explizite - es ließe sich auch gleich sagen: die offene Anmache von einst - überführt hat, ist phänomenal.

          Tom Jones lässt manche alte Sachen aus, wie „What’s New, Pussicat“, aber auch „She’s a Lady“. Er ist schon längst nicht mehr dieser Mann aus Wales, der sich, je nach Überlieferung als Bergmann oder Staubsaugervertreter, hochgearbeitet hat; was ihn allerdings für echte Damen nicht weniger qualifizierte. Er ist Sir Tom, und Verdienstadel hat schon sehr viel für sich. Zu seinen Zugaben gehören „Thunderball“ und jenes „Kiss“, das der wilde kleine Prince 1986 für sich selbst schrieb. Der große alte Mann covert das Lied seit 1988, ohne dessen Impertinenz zu ruinieren, aber auch ohne sich selbst dabei zu beschädigen, und so cool wie jetzt in Frankfurt hat „Kiss“ noch auf keiner Platte geklungen.

          Tom Jones hat schlicht und einfach Klasse, er spielt in seiner eigenen Liga. Es gibt kaum Entertainer, die seinem Format auf der Bühne vergleichbar wären. Ihm zuzuschauen und zuzuhören ist ein hohes Vergnügen. „Good night and God bless you“, ruft er zum Abschied dem Publikum zu, das nun endlich geschlossen aufgestanden ist. Draußen ist es noch ein wenig hell, der Zauber hält noch eine Weile an.

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