https://www.faz.net/-gqz-6y2ex

„Tod eines Handlungsreisenden“ in Hamburg : Wie ein Mann zersplittert

  • -Aktualisiert am

Großer Vater, kleiner Sohn: Burghart Klaußner als Willy und Christian Sengewald als Biff in der Regie von Wilfried Minks im Hamburger „Handlungsreisenden“ Bild: Matthias Horn

Burghart Klaußners großes Solo des Scheiterns: Wilfried Minks inszeniert am St. Pauli Theater in Hamburg den „Tod eines Handlungsreisenden“.

          3 Min.

          Heute würde man sagen: klassischer Fall von Burn-out. Die perfide Mischung aus Überarbeitung, einem Mangel an Perspektiven und Überschuss an Selbstzweifeln. Und wenn das Leid sich nicht mehr kaschieren lässt, zieht man mal schnell eine Wand ein im Haus. Weil: „Nur ein Mann, der eine Wand errichten kann, ist ein richtiger Mann.“ Bewährte, zum literarischen Kanon gehörende Metapher: Willy Loman zimmert sich eine weitere Grenze in die Welt.

          Sie besteht weitgehend aus seinem Eigenheim, fünfundzwanzig Jahre wurde abbezahlt, „und dann ist keiner mehr da, um drin zu wohnen“. Auch so eine klassische Zeile aus dem „Handlungsreisenden“, und heute, nach einer Finanzkrise, die durch Immobiliendeals in Gang gebracht wurde, merkt man, wie historisch das Stück geworden ist. Im Hypothekentaumel war das Abbezahlen ja nun gerade nicht vorgesehen. Arthur Millers Elendswelt war da noch schrecklich überschaubar.

          Der Kapitalismus war schon 1949 riskant, als das Stück uraufgeführt wurde, heute gilt er als Teufelssystem, das die Mittelschicht um ihre Zukunft und die Oberschicht ums gute Gewissen bringen wird. Eine Aktualisierung im Angesicht aktueller Wirtschaftsängste hätte Willy Loman, den fahrenden Stoffhändler, in einen IT-Manager verwandeln müssen, der gemeinsam mit seiner veralteten Programmiersprache ausgemustert wird. Seine Söhne, Biff und Happy, das wären die großen Kinder eines ausgedehnten Hipstertums. Irgendwo zwischen Brooklyn und Berlin-Mitte tränken sie Bionade, jobbten wahlweise im Spätkauf oder bei einer linkten Stadtteilgazette. Lomans Frau gäbe es nur noch in Zickenfassung: Elizabeth Taylor, mit einem Schuss Alice Schwarzer.

          Unter einer aufgeblähten Dollarnote

          Nichts von all dem in der Inszenierung von Wilfried Minks am Hamburger St. Pauli Theater: Wir sind in den Fünfzigern, der Bühnenhimmel ist eine aufgeblähte Dollar-Note, die Interieurs werden nur angedeutet, zwei Stühle fürs Esszimmer, eine Sitzbank fürs Büro oder Restaurantszenen. Und in diesem kargen Ambiente darf Willy groß aufspielen, der Rest ist Stichwortgeber, müht sich ab an einem Text, der lässig daherkommt, aber voller Fallen steckt. Gemeinplätze, Erregungs- und Leidensklischees: Wer sich in die Rhetorik des „Handlungsreisenden“ hineinbegibt, kommt womöglich als Depp der Sozialkritik wieder heraus.

          Und genau das passiert bei Christian Sengewald als Biff und Happy, gespielt von David Allers: Sie führen ein bisschen ödipales Theater auf, posieren als Zyniker (Happy) oder Systemkritiker für Arme (Biff). Allers schaut meistens von der Rampe, als sei er ein gekränkter Halbstarker, dem man das Moped entwendet hat. Sengewald schwadroniert vom Farmerdasein als Wundermittel gegen Entfremdung. Am Ende des Stücks und seiner darstellerischen Mittel rettet er sich in eine Heulsequenz, die deutlich macht: Es gibt vielleicht kein wahres Leben im falschen, aber jede Menge falscher Arten, wahren Kummer darzustellen.

          „Die fetten Jahre sind vorbei“

          Also Burghart Klaußner als Willy. Er ist ja qua Besetzungspolitik des jüngeren deutschen Kinos die Fachkraft für Erzieherfiguren. „Goodbye Lenin“, „Die fetten Jahre sind vorbei“, „Das weiße Band“ - alles Väter, die er da spielte. Für einen Generationenkampf hätte es aber stabilerer Sparringspartner bedurft. Die tragische Verklammerung von eigenem Scheitern und auf den Nachwuchs projizierten Lebensträumen funktioniert außerdem heute in dieser Form nicht mehr: Die Babyboomer wissen längst, dass ihre Kinder über alles Mögliche verfügen - ideologiekritischen Biss, digitales Know-how, flexible Arbeitsmoral -, aber kaum über die Chance, das Wohlstandsniveau der Eltern zu erreichen. Was also macht Klaußner? Er spielt den Mann, dem die Eigenkorruption zur zweiten Natur geworden ist. Schälte man seine Monologe aus dem Stück heraus, hätte man die messerscharf konturierte Gestalt des Menschen im Zeichen des Marketings.

          Mit beklemmender Virtuosität

          „Nur wer groß anfängt, bringt es zu was“, „Kommt nicht drauf an, was du sagst, sondern wie du wirkst“ - das sind die Slogans der Reklame, und Klaußner übersetzt ihre rigide Logik in sein Spiel, gibt den Salesman, der sich selbst abzockt. Teurer kann einen das Image des Gewinners nicht kommen.

          Auf der Klaviatur des Selbstbetrugs schlägt dieser Loser alle Töne an: auftrumpfend, anklagend, jammernd, kuschend. Und weil er nicht dumm genug ist, sich seine grandiosen Lebenslügen restlos zu glauben, muss er immer wieder zurückrudern ins Devote - Klaußner zeigt die hysterische Dynamik der Selbstverkennung mit beklemmender Virtuosität. Natürlich bleibt der „Handlungsreisende“ ein kapitalismuskritisches Stück. Aber mit diesem Willy Loman erkennen wir etwas Strukturelles: nach welcher Logik das innere Zersplittern einer Persönlichkeit vonstatten geht; wie sich das Subjekt die Verdrängung so choreographiert, dass am Ende eines stimmige Bewegung daraus wird - auch wenn sie in den Abgrund führt.

          Weitere Themen

          Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht Video-Seite öffnen

          Sensationsfund : Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht

          Ein durch Zufall gefundenes Gemälde wurde als das vor mehr als 20 Jahren gestohlene Werk von Gustav Klimt "Bildnis einer Frau" identifiziert. Das Gemälde wurde im Dezember in der Außenmauer eines italienischen Museums in Piacenza entdeckt. Nun bestätigt die Museumsleitung, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um das Original handelt.

          Fit für die Welt

          Überwachung der Gesundheit : Fit für die Welt

          Selbstoptimierung war gestern, heute verkaufen Apple und Google Gesundheits-Apps und Fitness-Tracker als Dienst an der Menschheit.

          Topmeldungen

          IBMs Quantencomputer „System Q“ ist auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas zu sehen.

          Quantencomputer : Die nächste Revolution

          Quantencomputer können Verschlüsselungen knacken, neue Batterien entdecken und an Finanzmärkten Geld verdienen. Und das sind nur die Möglichkeiten, die bisher bekannt sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.