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„Sommergäste“ in Salzburg : Die üblichen Abgründe

Szenenbild bei der Fotoprobe zu Maxi Gorkis Schauspiel „Sommergäste“ Bild: dpa

Keiner nimmt sein Schicksal ernst, alle suchen nur nach Zeitvertreib: Evgeny Titov inszeniert bei den Salzburger Festspielen „Sommergäste“ von Maxim Gorki.

          4 Min.

          Eine Entdeckung. Nicht weniger, eher mehr. Jedenfalls viel mehr als eine Vertretung: Dem achtunddreißigjährigen Evgeny Titov, der fünf Wochen vor Probenbeginn für die erkrankte Mateja Koležnik eingesprungen war, gelingt aus dem Stand eine großartige Inszenierung von Gorkis „Sommergästen“. Mit fünfzehn bereits engagierten Schauspielerinnen und Schauspielern und einem fertigen Bühnenbild erarbeitet er eine bis ins Detail präzise, dem Stoff und seinen Darstellern innig zugewandte Interpretation von Gorkis prärevolutionärem Konversationsstück. Geschrieben um 1904, am Vorabend der russischen Revolution, hat das Drama keine stringente Handlung, sondern nur falsche Haltungen im dramaturgischen Angebot.

          „Du musst dein Leben ändern“, Rilkes vier Jahre später ausgestoßener lyrischer Aufruf, schwebt als ein noch undeutliches avant la lettre über dem Eingang eines Landhauses, in dem sich eine Gruppe reicher Moskauer bei schöngeistigem Nichtstun von ihrem belanglosen Alltagsleben erholt. Keiner nimmt sein Schicksal ernst, alle suchen nur nach Zeitvertreib. Niemand entblößt sein Inneres, alle verstecken ihre „buckelige Seele“ vor den Augen der anderen. Keiner hat Zeit, aber „tun tut sich trotzdem nichts“, wie der missgelaunte Arzt Dudakow bemerkt. Aber während die zum Wohlstand aufgestiegene Mittelschicht sich selbst verhöhnt, beleidigt und betrügt, zeichnet sich am Horizont schon eine goldene Röte ab, hört das Volk draußen die Signale eines kommenden Umbruchs.

          Bedeutungsloser Salonsozialismus

          Das ist die realistisch-hellsichtige Ausgangssituation von Gorkis Stück, an der sich bis zum Schluss nicht viel ändert. Was hier geschieht, das sind leichte Kräuselungen auf einer glatten Oberfläche: ein bisschen Ehekrise, ein expressiver Lyrikvortrag, ein paar Freundinnen, die sich streiten, und am Schluss noch eine Prise Salonsozialismus. Das eigentliche Thema des Stücks ist die Zeit, die ungenutzt vergeht. Sind die Tage, die verstreichen, ohne dass jemand bemerkt, dass der nächste Morgen auch schon wieder vorüber ist.

          Geschüttelt, nicht gerührt: Gerti Drassl (Kalerija), Dagna Litzenberger Vinet (Julija Filippowna) und Dominic Oley (Nikolaj Samyslow)

          Die Bühne, die Raimund Orfeo Voigt gebaut und Titov übernommen hat, besteht in Hallein aus holzgetäfelten Transiträumen, aus Fluren, Treppenhäusern und Vorzimmern, die in quälender Langsamkeit vor dem Publikum vorbeiziehen. Ein dünner Gazevorhang trennt das Geschehen von der Außenwelt und markiert – wie häufig bei Koležnik – eine vierte Wand, von der das Spiel der Darsteller geschützt wird. Die Stimmung ist trotz der beiden hochgezogenen Fenster klaustrophobisch, immer mehr „Sommergäste“ treten auf, reden herum und unterscheiden sich doch nicht wirklich voneinander. Trotz ihrer verschiedenen Professionen und Geschlechter sind sie in Wahrheit ihre eigenen Doppelgänger, die nichts mehr fürchten als die Meinung der anderen. In der ahnungsvollen Frage „Hat denn niemand nach mir gefragt?“ spiegelt sich die dumpfe Ahnung von der eigenen Bedeutungslosigkeit für die kommende Zeit.

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