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Shakespeare in Düsseldorf : Der Spott des Gemetzels

Markus Danzeisen (links) als Mutter, André Kaczmarczyk als ihr Sohn Coriolan Bild: Sandra Then

Selbst das Gröbste verdankt sich hier der Präzisionsarbeit: Tilmann Köhler gelingen in seiner Inszenierung von Shakespeares „Coriolan“ schlagende Sinnbilder des Politischen.

          3 Min.

          Der Kriegsheld, ein Clown. Der Regierungschef, ein Hanswurst. Die Führer der Volkspartei, zwei lustige Personen. Der Staatsdenker, ein dummer August. Und das Volk? Will seinen Spaß haben, will aber auch Spaß machen, auch einmal auf die Pauke hauen. Die Plebejer proben den Aufstand, indem sie sich auf dem Weg zum Forum ebenfalls rote Nasen ins Gesicht kleben.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Tilmann Köhler steckt in seiner Inszenierung von Shakespeares Tragödie „Coriolan“ am Düsseldorfer Schauspielhaus das gesamte Personal in Clownskostüme, entworfen von Susanne Uhl. Im achtköpfigen, rein männlichen Ensemble hat jeder Darsteller eine Rolle im altrömischen Charakterdrama um den stolzen General, der aus dem Krieg gegen die Volsker mit dem Ehrennamen des Siegers von Corioli zurückkehrt und nach dem Amt des Konsuls nur greifen müsste, aber jede Geste verweigert, die als Ausdruck des Respekts vor dem Volk zu verstehen wäre. Lieber geht er in die Verbannung, sucht er Asyl beim Erzfeind, zieht er gegen seine Vaterstadt in den Rachekrieg.

          Alle acht Schauspieler fallen regelmäßig aus den Rollen, sinken zurück ins Volk, gehen auf im grummelnden, brabbelnden, zitternden, Parolen skandierenden Mob. Dass es zwei Sorten von Menschen gibt, wie es die aristokratische Verfassung der römischen Republik voraussetzt und Coriolan mit verletzender Überdeutlichkeit ausspricht, die zum Herrschen Berufenen und diejenigen, die nur gut dafür sind, den Kopf hinzuhalten, das stellt sich im Lichte der Bühnenpraxis als Fiktion dar. Aber die Entzauberung einer biologistischen Verklärung der Klassengesellschaft kann 2386 Jahre nach der Zulassung der Plebejer zum Konsulat nicht die Pointe von Köhlers Inszenierung sein. Eher wird das identitäre Weltbild des Populismus als Universalisierung des adligen Dünkels entlarvt. „Wir sind die Stadt!“ Die Plebs nimmt den Senatoren das Wort aus dem Mund.

          Die Republik - ein Käfig voller Narren

          Der beachtliche Witz der Aufführung ergibt sich indes weniger aus solchen aktuellen Anspielungen als aus einer Studie zur Anthropologie der Politik, abgewonnen einem sperrigen Stoff. Die Politik ist der Ernst des Lebens: Diese archaische, in einer christlichen Zivilisation anachronistische Grundeinstellung des Stadtrepublikanismus wird von den Plastikglatzen und Patchworkanzügen der Clownsgesellschaft scheinbar konterkariert. Kleinstädtische Intrigen unter Männern, die einander nicht riechen können: In diesem Wimmelbild erscheint die Politik als die Kunst des Möglichen im Sinne des Unbedachten, in allem Furor wechselseitiger Beobachtung nicht Einkalkulierten. Ein geschlossenes System: Das Einheitsbühnenbild von Karoly Rasz besteht aus marmorglatten Wänden, mit einem Gitternetz überzogen, ohne Türen und Fenster. Die Republik, ein Käfig voller Narren.

          Und nun das Komische: Die groteske Künstlichkeit des Arrangements absorbiert die Unwahrscheinlichkeiten des absolut gesetzten politischen Spiels. Das Bizarre, Maßlose eines Ethos, das dem Frieden den Streit vorzieht und dem Leben den Tod, liegt von vornherein vor Augen. Als Routinier des Gemetzels qualifiziert sich Coriolan für das erste Amt im Staat. Hat man die Prämissen der martialischen Wertordnung einmal als gültig gesetzt, läuft alles vollkommen logisch ab. Politik wird hier als etwas Existentielles erfahrbar, gerade weil sie durch und durch konventionell ist.

          Die beiden Darsteller der Frauen, der Mutter und der Gattin, verkleiden sich mehrfach: Diese Clowns wechseln ins Fach des Transvestiten, haben es aber erkennbar nicht darauf abgesehen, täuschend echte Figur zu machen. Die Mutter Volumnia ist es, die Coriolan am Ende von seinem Racheplan abbringt. Siegt in ihm das Gefühl, die Stimme der Natur? Gerade die Mutter hatte ihm zuvor den Antinaturalismus gepredigt, die Unterordnung aller Regungen unter den Leitwert der persönlichen, aber so rationalen wie abstrakten Ehre, die Bereitschaft zur totalen Verstellung. In Düsseldorf ist es nicht Volumnias Rede, die Coriolan zur Umkehr bewegt, sondern das Pochen ihrer Krücke. Das Gewissen klopft an, die Hinfälligkeit des Daseins fordert ihren Tribut. Aber die extreme Krümmung, die der weißgeschminkte Markus Danzeisen seinem Körper abverlangt, ist eine extrem zugespitzte Karikatur des Leidens, eine Pathosformel: An der Schwelle des Todes hat Volumnia den Auftritt ihres Lebens.

          Ab, ins Land der blauen Nasen!

          „Es gibt auch anderswo noch eine Welt!“ Der großartige Schlüsselsatz der Rede, mit der Coriolan das Urteil gegen ihn umkehrt und das Volk für verbannt erklärt, bezeichnet kein Jenseits im Sinne einer Alternative zur Politik. Coriolan findet Zuflucht in der Stadt der Feinde. Genialer Einfall der Regie: Dort tragen die Leute blaue Nasen. Seine Landsleute haben ihn mit dem Spottchor der Fußballfans verabschiedet: „Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!“ Und wirklich sieht man sich wieder. An Coriolan bewahrheitet sich das Wehnersche Gesetz: Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen.

          Der Grobianismus dieses Abends ist das Resultat zirzensischer Präzisionsarbeit. Immer wieder gelingen Köhler schlagende Sinnbilder, wenn etwa Coriolan auf den Schultern des Aufidius sitzt, seines einstigen Feindes, der ihn nun vergöttert, als Wiedergänger des Mars. Coriolans Sohn, von einem Mädchen gespielt, sagt den Monolog des Vaters hier am Ende noch einmal auf. Damit kein Missverständnis aufkommt: Die römische Geschichte geht weiter – die Marcier sind die Weizsäckers der Antike.

          Nur in der Scham, mit der Coriolan sich dagegen sträubt, dem Volk seinen nackten Leib mit den Tätigkeitsnachweisen der Narben zu zeigen, meldet sich die Ahnung, dass die Politik nicht alles sein könnte. Es ist konsequent, dass die Kampfmaschine, die sich nicht noch weiter optimieren kann, die Grenze der martialischen Ethik spürbar werden lässt. André Kaczmarczyk windet und ziert sich in seiner wattierten Muskelpanzerjacke in der anrührendsten Weise. In diesem Mustermann, der im entscheidenden Moment das wahre Wort nicht über die Lippen bringt, steckt die Seele einer Frau: Cordelia.

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