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Schnitzler an der Schaubühne : Gegen Antisemitismus hilft keine Medizin

  • -Aktualisiert am

Querkopf betrachtet unbotmäßigen Beamten: Jörg Hartmann als Dr. Bernhardi mit Christoph Gawenda als Ministerialrat Dr. Winkler Bild: Marcus Lieberenz

Update als großes Fernsehspiel: Thomas Ostermeier inszeniert Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ an der Schaubühne Berlin.

          In leuchtendem Weiß strahlen die Bühne, das breite Portal, die Wände, der Boden, eine zweiflügelige Schwingtür, eine kleinere Tür. Und weiß strahlen auch die Kittel und Hosen und Hemden und Schuhe der Ärzte. Der Bühnenbildner Jan Pappelbaum und die Kostümbildnerin Nina Wetzel lassen in der Berliner Schaubühne optisch keinen Zweifel daran, dass Arthur Schnitzlers Komödie „Professor Bernhardi“ zum Großteil in einem Krankenhaus stattfindet. Wobei es manchmal scheint, als wolle man hier nicht nur alle möglichen Keime und Bakterien weggeputzt wissen, sondern sich überdies ein wenig sonnen in der Pracht des aseptischen weißen Raumes, die natürlich nicht lange so ungetrübt bleiben wird.

          Denn in dieser Privatklinik wird zu Anfang ein junges Mädchen sterben, das sich bei einer heimlichen Abtreibung eine Blutvergiftung zugezogen hat. Von ihrem Zustand kriegt sie in der Euphorie des baldigen Todes gar nichts mehr mit. Sie ist Christin, ein Priester wird gerufen, aber Bernhardi, der Leiter der Einrichtung, möchte sie in ihrem letzten Glück nicht stören. Deshalb lässt er den Priester nicht zu ihr. Während sich die Männer noch streiten, stirbt sie.

          Weil Bernhardi Jude ist und die Stimmung in Wien um 1900 zunehmend antisemitisch, wird der Vorfall zu einem riesigen Skandal aufgebauscht. Wegen „Störung des Religionsfriedens“ wird er schließlich zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Nach deren Ablauf, wenn sich die öffentliche Meinung beruhigt und eine Zeugin ihre Falschaussage widerrufen hat, wird er wieder praktizieren dürfen und vermutlich seinen Chefposten zurückerhalten. Der österreichischen Zensur war dieses kritische, scharfzüngige und hellsichtige Werk zu heikel, weswegen es 1912 im fernen Berlin uraufgeführt wurde.

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          Der Regisseur Thomas Ostermeier hat „Professor Bernhardi“, wie das oft seine Art ist, resolut in die heutige Zeit versetzt. Das betrifft die Ausstattung wie die Stückfassung, die er mit dem Dramaturgen Florian Borchmeyer dem aktuellen Sprachgebrauch angepasst hat. Es gibt „Vollidioten“ statt „Dummköpfen“, statt der „antisemitisch-klerikalen Partei“ sind nun „rechtspopulistisch-völkische“ Kräfte zugange, und dies statt in einem „christlichen Staat“ in einem „freien Land“.

          Vom eleganten, gebildeten Duktus des Originals ist nicht viel übrig, was gut kaschiert wird, indem das Ensemble so spielt, wie es spricht: Leidenschaftlich oberflächlich und bei aller Konzentration verwässert. Dadurch gerät das komplexe Drama in zweieinhalb pausenlosen Stunden auf das gänzlich andere Niveau eines großen Fernsehspiels – aber das im Triumph. Denn die Darsteller pendeln sich überzeugend auf dieser Ebene ein, bringen ihre Figuren zum Leben, machen die Konflikte, wenngleich drastisch verknappt und umgepolt, durchaus plausibel.

          In einem Interview erläuterte Ostermeier, dass ihn der Stoff dieses Theaterstücks interessiert habe – und nicht etwa das Theaterstück als autonomes Kunstwerk. Insofern inszeniert er „Professor Bernhardi“ in Form rechtschaffener Annäherung, angestrengter Umkreisung, eines entschlossenen Updates. Zwei Kameraleute filmen zwischendurch die Schauspieler und Dekorationen, was das Publikum vergrößert an der Rückwand sieht. Dorthin schreibt die bildende Künstlerin Katharina Ziemke mit bunten Ölkreiden auch kurze Ortsangaben, die Schnitzler den fünf Akten voranstellte.

          Mit keinem Mittel freilich ist der parteilose Bernhardi zu fassen, der alles durchschaut und sich dennoch nicht verbiegen oder anpassen möchte. Bei Jörg Hartmann ist er ein drahtiger, flinker, herablassender Querkopf an der Grenze zum Zynismus – nicht unbedingt ein Sympathieträger, obwohl ihm hartes Unrecht widerfährt. Als sein Stellvertreter und deutschnationaler Kontrahent Ebenwald drängt sich Sebastian Schwarz immer stärker in den Vordergrund – ein raffinierter Leisetreter, der genau weiß, wann er zuschlagen muss.

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          Ohne jede Scham schleimt und intrigiert Hans-Jochen Wagner als Gesundheitsminister Flint zugunsten seiner Karriere, was ihm sein Jugendfreund Bernhardi ziemlich übelnimmt. Nachdem ihn Flint besucht hat, schüttelt er sich vor Ekel und desinfiziert sich prophylaktisch die Hände. Moritz Gottwald als Hochroitzpointner ist ein duckmäuserisch-berechnender Student, Laurenz Laufenberg der halbwegs konfuse Priester. Eva Meckbach und Veronika Bachfischer spielen Adler und Wenger, zwei bei Schnitzler männliche Ärzte, und fügen sich schön zwischen den Halbgöttern in Weiß ein.

          Thomas Ostermeier hat alle fünfzehn Schauspieler liebevoll, sorgfältig und gekonnt aufeinander wie auf seine Fernsehästhetik eingestimmt, ob sie ihre Empörung über die „Populisten“ im Parlament oder über das Gerichtsurteil ausdrücken, ob die einen gegen Bernhardi sind oder die anderen für ihn. Der sitzt am Schluss dieser „Tragikomödie des Eigensinns“ völlig allein auf der Bühne. Die Möbel wurden rasch entfernt, und dann ist auch Christoph Gawenda als etwas unbotmäßiger Ministerialdirektor Winkler verschwunden. Der hatte sie beide als Rindviecher bezeichnet – weil er, Empathie vor Ideologie, genau wie der Arzt gehandelt hätte. Ein bisschen getragen-wehmütige Musik klingt an, und Bernhardi, reglos, verdutzt, nachdenklich, ist jetzt weder ein Märtyrer noch ein Held, sondern einfach ein Mensch in seiner Zerbrechlichkeit. Und irgendwie: uns sehr nahe. Nicht das schlechteste, was eine Inszenierung leisten kann.

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