https://www.faz.net/-gqz-9lkg4

„abgrund“ von Maja Zade : An der edlen Kücheninsel fehlt keine Plattitüde

Die Abgründe unserer Art zu leben: Maja Zade spiegelt sie einwandfrei wieder. Bild: Arno Declair

Alles sehr gut gemacht und sehr wirklich: Thomas Ostermeier inszeniert an der Berliner Schaubühne „abgrund“ von Maja Zade und zeigt, wie wir heute wirklich leben.

          Und am Ende steht er verlassen da, der Küchentisch, auf Rollen, mit Gasherd und Neonleuchte, Töpfen aus Stahl, Wasserkaraffen mit Perlen. Weingläser, die eben noch geschwenkt, Pfeffermühlen, die gerade noch gereicht wurden. Holzlöffelensemble, Espressokanne, japanischer Whisky. Blinkblanker Wohlstand. Verwahrlost bis auf den Grund. Er steht da, der Tisch, und zeigt die Zeit an. Unsere Zeit. So leben wir. Das ist der Stand der Dinge.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Angenehme am Wohlstand ist ja, dass man seine schlechten Seiten ausschließlich bei den anderen bemerkt, also bei denen, die das Glas mit der falschen Hand anheben und gierig am frischen Trüffel riechen, die danach fragen, aus welcher Region das Fleisch kommt und wie die Nadel bei der Akupunktur gesetzt wird, die über mehr Platz für die Kinder reden und in Brandenburg mindestens zwei Seen kennen. Das Manufactum-Leben führen immer die anderen. Und man selbst sitzt mit Sarkasmus und „Zeit“-Magazin daneben und durchschaut den Irrsinn.

          Berlin, Prenzlauer Berg, eine Einladung zum Abendessen – den Rest kann man sich fast schon denken. Sechs jungreiche Mittelständler auf stabilen Küchenhockern und ein Baby im Kinderzimmer. Nicht nur ein Baby, sondern auch eine kleine große Schwester, die das süße Schnarchen nicht aushält. Die Erwachsenen plappern herum, benutzen die Worte wie Parfümproben, riechen mal hier, schnuppern mal da. Immobilientipps, Kachelfarben, Dinkelsorten, und im Übrigen trägt doch die Links-Rechts-Unterscheidung schon lange nicht mehr. Keine Plattitüde ist vor ihnen sicher, keine Oberfläche ist ihnen zu glatt. Es fällt nicht ein Satz an diesem Theaterabend, der nicht gerade zur gleichen Zeit irgendwo in dieser Stadt genauso gesagt wird. Hyperrealismus. Sittengeschichte der Jetztzeit.

          Maja Zade ist Dramaturgin an der Schaubühne und löst hier gerade Marius von Mayenburg als erfolgreiche Stückeschreiberin ab. Ihre erste Komödie, „status quo“, war eine Persiflage auf die machthierarchische Männerwelt: In einer Gesellschaft unter umgekehrten Vorzeichen werden die Männer zu Sexobjekten degradiert und als Herdwächter diskriminiert. Ihr zweites Stück, „abgrund“, das Thomas Ostermeier jetzt zur Uraufführung brachte, macht in hervorragend angelsächsischer Manier einen Konversationsparcours durch die ebene Gefühlslandschaft des zeitgenössischen Großstadtlebens. Und zerschlägt dann die spiegelglatte Oberfläche mit einem einzigen Schicksalsschlag.

          Eigentlich müssten die sechs auftretenden Schauspielerinnen und Schauspieler gar nicht viel sagen, denn das von Nina Wetzel kühlteuer gestaltete Ambiente ist ausdrucksvoll genug: Jedes Karottenschneiden bedeutet hier Vorführen von Geldmacht, jeder Hauch von frischer Sahne im Mousse au Chocolat ist Symbol für die impertinente Selbstzufriedenheit einer Generation von erbbegünstigten Mittdreißigern, die ohne Schrammen durchs Leben yogieren und in Röhrenjeans und Rundkragen neben den Problemen einer offenen Beziehung auch schnell noch die Schrecken der Judenvernichtung abhandeln.

          Smalltalk über die Themen des Tages

          Dreiundfünfzig Szenenwechsel gibt es in dieser knapp anderthalbstündigen Vorstellung, der man audiointim über Kopfhörer folgt. Die sowieso schon eng an der Realismusvorgabe des Films orientierte Regie von Thomas Ostermeier wird dadurch, dass das Ensemble nicht mit verstärkter Stimme sprechen muss, sondern sich im geläufigen Smalltalk-Ton über ihre Tagesthemen austauscht, noch kammerspielartiger. Nichts Unberechenbares stört hier den Ablauf, alles ist clean, alles ist slick und sehr wirklich. So glatt wie die glänzende Oberfläche des Edelstahltischs ist auch die Inszenierung, so glatt, durchschaubar und „abgrundlos“ sind alle, die hier auftreten.

          Unsere Art zu leben: Szene aus „abgrund“ an der Schaubühne.

          Die Frauen lassen ihren Verlobungsring an einer langen Kette über den Kaschmir-Pullover baumeln, die Männer heißen Stefan und Matthias und sind sich ihrer problematischen Genderrolle sehr bewusst. Das Baby mit den „bullerbüblauen Augen“ heißt Gertrud und ist das neueste Statussymbol in der Lebenskollektion der Gastgeber. Es wird vorgeführt, man darf ehrfürchtig am Kopf riechen und begeistert „süß“ sagen. Die Mutter will kurz über ihre Stillschmerzen klagen, aber dann ist man auch schon wieder bei Bio-Kaufentscheidungen als politischem Akt. Durch Videoprojektionen aus dem Kinderzimmer wird immer wieder eine düstere Vorahnung geweckt, aber was könnte diesem Gewohnheitsglück schon zustoßen? Im Retro-Kinderbett liegt der goldblonde Engel und atmet laut. Zu laut für die fünfjährige Schwester, die sich sowieso schon vernachlässigt fühlt. Also hebt sie das Baby aus seiner Deckenburg, steigt rauf zum Fenster und wirft es hinaus. Die kleine Kindsmörderin setzt alle unter Schock. Am Ende sitzt der beschürzt-bestürzte Papa ausdruckslos stierend auf seinem Stuhl und lässt die Tränen rollen, während zwei Gäste schrecklich lange auf ihn einreden und vor allem über ihre eigenen Schwierigkeiten klagen, mit der „Situation klarzukommen“.

          Maja Zade hat ein sehr gut gemachtes, ein wirkliches „Well-made play“ geschrieben, in dem sich die Abgründe, „unserer Art zu leben“, sauber spiegeln. Es gibt hier schnelle, treffsichere Zeilen wie in einem guten Rapsong und viel, sehr viel Identifikationsangebot. Und so klatscht man zusammen mit viel bundespolitischer Prominenz (die Hauptstadtpolitiker scheinen im Moment erfreulich viel ins Theater zu gehen) dem glänzenden Tisch und seinen nicht weniger glänzenden Beisitzern Beifall. Und je lauter die Sitznachbarn pfeifen, um so erleichterter kehren sie später an ihre eigenen Kücheninseln zurück.

          Weitere Themen

          Nur nicht so herablassend

          Buch über Globale Eliten : Nur nicht so herablassend

          Die Globalisierung hat eine Elite hervorgebracht, die weltoffen, international und ungebunden ist. Carlo Strenger liest dieser liberalen Elite in seinem Buch die Leviten: Sie vergesse alle anderen gesellschaftlichen Schichten.

          Topmeldungen

          Konflikt mit Iran : Trumps Schlamassel

          Mit dem Abschuss einer Drohne ist eine neue Stufe in der Auseinandersetzung zwischen Amerika und der Islamischen Republik erreicht. Aus diesem Schlamassel gibt es keinen einfachen Ausweg.
          Sie sind international, weltoffen, ungebunden: Aber was wissen die liberalen Eliten noch vom Rest der Welt?

          Buch über Globale Eliten : Nur nicht so herablassend

          Die Globalisierung hat eine Elite hervorgebracht, die weltoffen, international und ungebunden ist. Carlo Strenger liest dieser liberalen Elite in seinem Buch die Leviten: Sie vergesse alle anderen gesellschaftlichen Schichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.