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Thomas Melles „Überwältigung“ : Die Bratsche des Nibelungen

Inga Busch (l.) als Brünhild und Kathleen Morgeneyer als Kriemhild bei einer Probe Bild: Ronald Wittek/EPA-EFE/REX

Gibt es doch noch etwas Neues unter Hagens blutiger Sonne? Thomas Melle eröffnet mit der Uraufführung seiner Neudichtung „Überwältigung“ die Nibelungenfestspiele vor dem Dom zu Worms.

          Wie man sein Schicksal herausfordert, steht im „Nibelungenlied“. Dort kommt es zu Beginn des zweiten Teils, als die Burgunderkönige mit großem Gefolge Richtung Osten aufgebrochen sind, um ihre Schwester Kriemhild zu besuchen, die in zweiter Ehe mit dem Hunnenkönig Etzel verheiratet ist, zu einer Begegnung zwischen Hagen, dem Onkel der Könige, und einer Gruppe von Flussnymphen. Wenn er jetzt über die Donau setze, sagen die Wasserfrauen, werde vom ganzen riesigen Burgunderheer nur ein Einziger heil wieder nach Hause kommen – der Kaplan. Bei der Überfahrt macht Hagen die Probe aufs Exempel: Er wirft den Geistlichen in die Donau. Als der aber nicht ertrinkt, sondern glücklich das Ufer erreicht, weiß Hagen, dass er den Spruch der Nymphen ernst nehmen muss. Und zieht trotzdem weiter Richtung Etzel und Kriemhild.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          An diesem Wochenende wurde die neue Saison der Nibelungen-Festspiele in Worms eröffnet, mit der Uraufführung von Thomas Melles Stück „Überwältigung“, und wie die seit 2002 hier gezeigten Nibelungen-Neudichtungen und Hebbel-Adaptionen von Autoren wie Moritz Rinke, Feridun Zaimoglu oder Albert Ostermaier konnte man auch hier einen Text erwarten, der sich eines mindestens achthundert Jahre alten Stoffes annimmt, ihn für ein heutiges Publikum darstellt und sich dabei zugleich einer Tradition stellen muss, die – wie Wagners Opern oder Fritz Langs Film – das Original in unseren Augen längst überformt hat. Besonders dieser Aspekt wird im feinen Nibelungenmuseum in Worms seit 2001 ausführlich beleuchtet.

          Einige hundert Meter entfernt gab nun der Dom, erbaut einige Jahrzehnte vor der schriftlichen Fixierung des mittelhochdeutschen Nibelungenlieds im zwölften Jahrhundert, die Kulisse für Melles Stück ab, wobei die davor errichtete mehrstufige Bühne großflächig mit hellem, im Dauerregen bald klatschnassen Stoff bedeckt war, was zusammen mit den kaum historisierenden Kostümen das Geschehen ins Zeitlose rückte. Die Frage aber, ob das, was den Burgundern, ihrem Gast Siegfried und den Hunnen im Nibelungenlied widerfährt, nun schicksalhaft und damit unausweichlich ist oder ob dagegen nicht doch etwas zu machen sei, gegen all das Blut, die abgeschlagenen Köpfe, die ermordeten Kinder, diese Frage steht auch im Zentrum von Melles Stück, dem man also zugutehalten muss, dass es einen zentralen Aspekt der Vorlage aufgreift.

          Am Ergebnis, weiß er, wird auch dieser Tod nichts ändern

          Es setzt mit der Ankunft der Burgunder, die hier als Chor auftreten, in Etzels Burg ein, wo Kriemhild sie begrüßt und schon auf das „Gemetzel“ einstimmt, das sich so schön auf „Etzel“ reimt, denn gereimt wird in diesem Vorspiel zum eigentlichen Stück, was das Zeug hält, und nicht immer besonders glücklich. Der finale Mordbrand wird dabei eher beschrieben als auf die Bühne gebracht, ebenso wie dass Kriemhild ihrem Bruder Gunther die Kehle durchschneidet und Hagen Kriemhilds Sohn Ortlieb mordet. Alles ist also, wie es die Vorlage vorsieht, doch da begehrt ebenjener Ortlieb, gespielt von der quirligen, mit einer Art Schlafanzug samt aufgenähtem Fuchsschwanz bekleideten Lisa Hrdina, auf: „Seid ihr wahnsinnig“, ruft er, „was gibt euch das Recht, mich zu töten? Ihr euch selbst? Die Götter? Das Schicksal?“ Und weil Ortlieb gar so insistiert („Ich will leben!“), setzt die Geschichte dann noch einmal neu ein, mit der Ankunft Siegfrieds in Worms nämlich, nur dass diesmal der ungeborene Ortlieb das Geschehen begleitet und beeinflusst, an seiner Seite der Spielmann Volker.

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