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Thomas Melles „Ode“ in Berlin : Kunst ist keine Politik

  • -Aktualisiert am

Dem Ärger Luft gemacht: eine „Ode“ an die Kunstfreiheit Bild: Arno Declair

Am Deutschen Theater in Berlin wäscht Thomas Melle seinem Milieu den Kopf. In „Ode“ plädiert er mit aller Kraft für Kunstfreiheit und Querdenker – leider auf Kosten des Stückes selbst.

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          Es liegt was in der Luft an diesem Theaterabend. Etwas Unbedingtes, eine Sehnsucht nach Freiheit. Ein Fenster-auf-Gefühl. Plötzliche Windströmung durchs stickige Zimmer, in dem die Diskurswächter sitzen und auf ihren Fingernägeln kauen. Ein bisschen Weltbilderschütterung. Zumindest Ansätze eines Gegenmodells zu jenem betriebsinternen Kunstverständnis, das sich als progressiv ausweist, in Wahrheit aber totalitäre Züge trägt. Weil es keine Ambivalenzen mehr aushält, nur noch Eindeutigkeiten kennt.

          Es geht um viel im neuen Stück von Thomas Melle: Darum Schluss zu machen mit den Schlussmachern, die einschüchtern, abbrechen, perhorreszieren, zensieren, absetzen, übermalen, verbieten wollen. Denen die Kunstfreiheit der Andersdenkenden zu weit geht, die einen moralpolitischen Putzfimmel haben und immer und überall nur Hakenkreuze sehen. Sein Stück „Ode“ hat keine Handlung, es ist eher eine Mischung aus Anklage und protestierend-provozierender Programmschrift.

          Zum Ende des Kunstjahres 2019 wirkt es wie eine überbordende Zusammenfassung, eine Quersumme aller möglichen Debatten, die uns vom „Joker“ über Handke bis zu Fragen der politischen Schönheit zuletzt beschäftigt haben. Wie sauber und anständig muss Kunst sein, damit sie uns in den Kram passt? Welche Widerstände, Abwegigkeit und Eigenart halten wir aus?

          Ein Hieb gegen alle Nein-Sager

          Eine Künstlerin präsentiert ihr Werk unter dem Titel „Ode an die alten Täter“. Eine Gedenk-Skulptur für eine Gruppe von Tätern im Terrorregime der Nationalsozialisten, die ihren vergewaltigenden Großvater umgebracht und dadurch etwas Gutes vollbracht haben. Ihnen ist das Denkmal in dialektischer Dankbarkeit gewidmet. „Das geht nicht. Das geht überhaupt nicht“ ist sich die „Wehr“, ein Zusammenschluss besorgter Kulturbürger, einig, „macht das weg“, skandiert sie im Tonfall stalinistischer Säuberer.

          Der öffentliche Raum muss clean und die dort ausgestellte Kunst eindeutig sein in ihrer Haltung. „Seid ihr denn nicht mehr für Widersprüche zu haben?“, fragt Fratzer, die aus Brechts Kopf geborene Künstlerin, sind Fragen nach dem Guten im Bösen und dem Bösen im Guten „denn jetzt schon Hetzgrund“? Ja, sind sie, genauso wie ungefähre Gerüchte zu Entlassungen führen, Urteile im Netz so rasend schnell gefällt werden wie Henkersbeile und alles Unangenehme als „Hassrede“ denunziert werden kann.

          Es gibt kein klares „Ihr“ in diesem, sich formal am englischen morality play der Renaissance orientierenden Programmstück. Statt an den einen klar definierten Feind richtet sich Melles Suada an eine ungefähre Menge von befreundeten Gegnern. Nicht das Publikum, sondern der Betrieb wird hier beschimpft. All die „rechthaberischen Debattenheimwerker“, die „inzestuösen Feuilletonnichtse“, die „facebookgezüchteten Hochnarzissten“ und „selbstgerechten Dümmlichkeitstwitterer“, die „selbstreferentiellen Sprachpolizisten“, „diskursverwirrten Stumpfmoralisten“, „laberverblödeten Kulturvollzeitstädter“ und „berufsjugendlichen Selbstironisten“.

          Gegen sie schreibt Melle an. Mit furios stilisierter Wucht. Und manifestartiger Überzeugung: „Kunst ist keine Sozialarbeit und Kunst ist kein Journalismus, Kunst ist keine Politik, und Kunst ist auch kein Henkertum“, proklamiert Fratzer (Katrin Wichmann). Durch diese Figur hindurch leuchten die Umrisse eines eigenständigen Kunstbegriffs. Einer zweckfreien poetischen Wirkung fern jedes Debattenbeitrags.

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