https://www.faz.net/-gqz-a3kn8

Uraufführung von Thomas Melle : Da ist ein Mensch drin, auch wenn es nicht so scheint

  • -Aktualisiert am

Der Vormieter, der „raussaniert“ wurde, wohnt noch unter der Spüle: Boris Burgstaller in Tina Laniks Inszenierung Bild: Björn Klein

Thomas Melles globales Wohnmiseren-Stück „Die Lage“ fragt: Gibt es ein Recht auf menschenwürdiges Wohnen? Bei der Uraufführung in Stuttgart laufen Regie und Ensemble zu großer Form auf.

          4 Min.

          Beginnen wir das Lob einmal mit dem Programmheft. Wie viele schlechte Hefte hat man gesehen, die nur auf kokette Bilder entgleisten Regietheaters oder auf große Sprüche setzen? Hier geht es, schön sachlich, gleich ans Eingemachte: Gibt es ein Recht auf (menschenwürdiges) Wohnen? Mit Auszügen aus Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung werden die Zuschauer auf den Stand der Dinge gebracht: „Verzweifelte Wohnungssuchende sehen sich selbst bei der vierzigsten Wohnungsbesichtigung vielen Mitbewerbern, unverschämten Maklern und wahnwitzigen Mietpreisen gegenüber – ob in Köln, Dresden oder Berlin.“ Es folgen interessante Überlegungen zur französischen Unterscheidung von „ville“ und „cité“. Letztere, einmal gedacht als unverwechselbares Gesicht einer bestimmten Lebensweise von bestimmten Menschen, ist längst einer globalen „ville“ gewichen. Sie ist ununterscheidbar geworden, in welchem Land oder auf welchem Kontinent sie auch steht.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Damit sind wir auf der Stuttgarter Bühne. Aus dem Niedrigenergie-Kubus ohne besondere Eigenschaften schaut man auf die anliegenden Kuben, die überall stehen könnten, in Heidelberg, Berlin oder Peking. Dann springen Wesen darin herum, die immerhin ein wenig charakteristisch sind: Die Männer blonde Bestien in memoriam Klaus Kinski, die Frauen ebenfalls peroxidiert, an die Halbroboter aus der Science-Fiction der „Frauen von Stepford“ erinnernd. Diese Endprodukte der westlichen Zivilisation haben sich offenbar freiwillig in blaue Nichtssage-Uniformen gezwängt, um nun in den beschriebenen Kampf um eine Wohnung einzutreten, wie selbsterniedrigend er auch sein mag: „Hier Kontostand, hier Schufa / Ja, Ja, Ja / Hier die Bürgschaft unserer Eltern / Und ein Foto der ganzen Familie / Hübsch, sehr hübsch / Wir können Ihnen einen ganzen Ordner schicken / Die Bewerbung haben wir auch digital bereitgestellt“. Wenn das noch kein Song von PeterLicht ist, sollte es schleunigst einer werden.

          Zum Glück hat die Regisseurin Tina Lanik über Thomas Melles globales Wohnmiseren-Stück „Die Lage“ allerdings keinen Soundtrack gestülpt, was leicht möglich gewesen wäre – sie vertraut auf die Vortragskunst ihrer Schauspieler und auf einige sehr effektiv eingesetzte Audio- und Videoverstärkungselemente.

          Abgekocht und zynisch

          In Melles Stücktext gibt es manche im Chor gesprochene Passage: Es ist der Chor der ewigen Wohnungssucher, der hier den größten gemeinsamen Nenner sucht: „Ah, Sonne / Sonne ist etwas Gutes“. Aber auch die restlichen Sprechtexte sind nicht individuellen Menschen mit Namen zugeordnet, sondern, wie es in der Regieanweisung heißt, „Personen in Wohnungen an Orten zu Zeiten“. Viel ungenauer geht es nicht: Das eben ist die globale „ville“, die längst ihre Bewohner assimiliert.

          Daraus nun aber zu schließen, auf die Individualität der Schauspieler käme es nicht an, wäre falsch. Sie sind sogar sehr unterschiedlich, und sie machen ihre Sache sehr gut. Jannik Mühlenweg spielt den Vorsitzenden eines studentischen WG-Castings als scheinbar zahmen Sitz-Yogi, in dem sich ein Monster verbirgt. Der unverschämte Makler sieht hier aus wie ein wiedergeborener Michel Foucault, glatzköpfig überlegen. Sebastian Röhrle, der ihn abgekocht und zynisch gibt, verweist bei Kritik an seinen Vorgaben wie der Türhüter in Kafkas Parabel nur auf die höheren Türhüter, die Hauseigentümer, die die Regeln gemacht haben und deren Anblick vermutlich unerträglich wäre.

          Einmal probestöhnen, bitte!

          Die Regelmacher haben zum Beispiel verfügt, dass die Mietbewerber Tonproben ihrer zu erwartenden Lebensgeräusche abgeben müssen. Also müssen alle einmal probestöhnen. Echt jetzt? Ja, echt jetzt, man kann ja auch gehen, wenn es einem nicht passt. Ins Groteske lässt die Regie das Ganze immer wieder kippen, einmal auch in einem überraschenden Gewaltausbruch zwischen einem wohnungssuchenden Paar, bei dem ein Stilettoabsatz zum Einsatz kommt. Dass der Selbsterniedrigungszwang für alle Generationen gilt – also für Studenten ebenso wie für Mittvierziger, die sich schon ein bisschen was erarbeitet haben und glauben, nun eine Eigentumswohnung oder gar ein Haus zu verdienen – zeigt „Die Lage“ in einem gewitzten Szene-Durcheinander mit fluiden Rollen und Räumen.

          Dauerglückliche Roboter? Nein, Stromlinienförmige Wohnungssucher, so auch Jannik Mühlenweg in Thomas Melles Stück.
          Dauerglückliche Roboter? Nein, Stromlinienförmige Wohnungssucher, so auch Jannik Mühlenweg in Thomas Melles Stück. : Bild: Björn Klein

          Die Dramaturgie setzt dabei auch auf Slapstick, was sich angesichts mehrerer großartiger Monologe im Text anbietet. Bei einem davon wähnt man sich eher bei Thomas Bernhard als bei Thomas Melle: Er wirkt wie ein zwinkerndes Weiterdrehen der Tirade über Wiener Toiletten auf aus Bernhards „Alte Meister“, wenn hier ein verzweifelter Urbanist (großartig: Boris Burgstaller ) sich mit einem antiquierten Flachspülklosett konfrontiert sieht: „Ich will meine Scheiße nicht ständig begutachten müssen / Das mache ich schon oft genug / Im übertragenen Sinne / Im Leben / Mitteleuropa ist analfixiert / Und es stinkt, es stinkt höllisch“.

          Auf der Kippe des Juxes bewegt man sich auch, als bei einer Wohnungsbesichtigung plötzlich der Vormieter (ebenfalls Burgstaller) unter der Spüle hervorspukt, der sich dort im Schlafsack eingenistet hat, und beginnt, die anderen zu filmen, um das Unrecht zu dokumentieren: „Raussaniert. Und das halte ich hier fest. Für mich und die Allgemeinheit.“

          Ich will es bürgerlich, aber nicht zu bürgerlich

          Mit den Nöten prekären Lebens hat sich Thomas Melle bereits in seinem Roman „3000 Euro“ drastisch auseinandergesetzt, und dessen erster Satz lässt sich auch gut auf die androidal wirkenden Figuren hier auf der Bühne anwenden: „Da ist ein Mensch drin, auch wenn es nicht so scheint.“ So entpuppt sich der eiskalte Makler später als gescheiterter Architekt: „Hat nicht geklappt, und jetzt muss ich mich ständig mit dieser Erwartungshysterie von irgendwelchen Plastikmenschen herumschlagen.“ Die eben für einen Mietvertrag noch zu allem bereit scheinende junge Frau (Josephine Köhler) sagt, als sie hört, dass die Etage unter ihr einer Juristin gehört und die über ihr einem Grafen, dann doch einmal: „Danke, aber nein danke. Das ist mir zu krass. Ich will’s bürgerlich, aber nicht zu bürgerlich.“ Und die etwas ältere (Marietta Meguid) lehnt, als sie gebeten wird, sich beim Wohnungscasting nicht nur sprichwörtlich nackt zu machen, ebenfalls ab.

          Dass der Widerstand gegen einen unmenschlich gewordenen Wohnungsmarkt auch in Gewalt umschlagen kann, steht hier in Gestalt eines auf den Bühnenhintergrund projizierten Ballerspiels am Horizont. Die hybride Erzählform, in der Thomas Melle zu Hause ist, wird im Stuttgarter Kammertheater wunderbar adaptiert zwischen antiker Tragödie und Handke’schem Sprechstück. Das Ensemble spielt zum Auftakt dieser besonderen Theatersaison groß auf.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine ANimation des Geräts, dass Weltraum-Müll abschleppen soll.

          Müllmission : Europa räumt im Weltall auf

          Die ESA vergibt erstmals einen Auftrag für einen Abschlepp-Satelliten, um Schrott im All zu beseitigen. Die Mission soll Schule machen, doch es gibt viel zu tun. Umweltbewusstsein ist im Weltraum noch nicht angekommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.