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Uraufführung von Thomas Melle : Da ist ein Mensch drin, auch wenn es nicht so scheint

  • -Aktualisiert am

Der Vormieter, der „raussaniert“ wurde, wohnt noch unter der Spüle: Boris Burgstaller in Tina Laniks Inszenierung Bild: Björn Klein

Thomas Melles globales Wohnmiseren-Stück „Die Lage“ fragt: Gibt es ein Recht auf menschenwürdiges Wohnen? Bei der Uraufführung in Stuttgart laufen Regie und Ensemble zu großer Form auf.

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          Beginnen wir das Lob einmal mit dem Programmheft. Wie viele schlechte Hefte hat man gesehen, die nur auf kokette Bilder entgleisten Regietheaters oder auf große Sprüche setzen? Hier geht es, schön sachlich, gleich ans Eingemachte: Gibt es ein Recht auf (menschenwürdiges) Wohnen? Mit Auszügen aus Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung werden die Zuschauer auf den Stand der Dinge gebracht: „Verzweifelte Wohnungssuchende sehen sich selbst bei der vierzigsten Wohnungsbesichtigung vielen Mitbewerbern, unverschämten Maklern und wahnwitzigen Mietpreisen gegenüber – ob in Köln, Dresden oder Berlin.“ Es folgen interessante Überlegungen zur französischen Unterscheidung von „ville“ und „cité“. Letztere, einmal gedacht als unverwechselbares Gesicht einer bestimmten Lebensweise von bestimmten Menschen, ist längst einer globalen „ville“ gewichen. Sie ist ununterscheidbar geworden, in welchem Land oder auf welchem Kontinent sie auch steht.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Damit sind wir auf der Stuttgarter Bühne. Aus dem Niedrigenergie-Kubus ohne besondere Eigenschaften schaut man auf die anliegenden Kuben, die überall stehen könnten, in Heidelberg, Berlin oder Peking. Dann springen Wesen darin herum, die immerhin ein wenig charakteristisch sind: Die Männer blonde Bestien in memoriam Klaus Kinski, die Frauen ebenfalls peroxidiert, an die Halbroboter aus der Science-Fiction der „Frauen von Stepford“ erinnernd. Diese Endprodukte der westlichen Zivilisation haben sich offenbar freiwillig in blaue Nichtssage-Uniformen gezwängt, um nun in den beschriebenen Kampf um eine Wohnung einzutreten, wie selbsterniedrigend er auch sein mag: „Hier Kontostand, hier Schufa / Ja, Ja, Ja / Hier die Bürgschaft unserer Eltern / Und ein Foto der ganzen Familie / Hübsch, sehr hübsch / Wir können Ihnen einen ganzen Ordner schicken / Die Bewerbung haben wir auch digital bereitgestellt“. Wenn das noch kein Song von PeterLicht ist, sollte es schleunigst einer werden.

          Zum Glück hat die Regisseurin Tina Lanik über Thomas Melles globales Wohnmiseren-Stück „Die Lage“ allerdings keinen Soundtrack gestülpt, was leicht möglich gewesen wäre – sie vertraut auf die Vortragskunst ihrer Schauspieler und auf einige sehr effektiv eingesetzte Audio- und Videoverstärkungselemente.

          Abgekocht und zynisch

          In Melles Stücktext gibt es manche im Chor gesprochene Passage: Es ist der Chor der ewigen Wohnungssucher, der hier den größten gemeinsamen Nenner sucht: „Ah, Sonne / Sonne ist etwas Gutes“. Aber auch die restlichen Sprechtexte sind nicht individuellen Menschen mit Namen zugeordnet, sondern, wie es in der Regieanweisung heißt, „Personen in Wohnungen an Orten zu Zeiten“. Viel ungenauer geht es nicht: Das eben ist die globale „ville“, die längst ihre Bewohner assimiliert.

          Daraus nun aber zu schließen, auf die Individualität der Schauspieler käme es nicht an, wäre falsch. Sie sind sogar sehr unterschiedlich, und sie machen ihre Sache sehr gut. Jannik Mühlenweg spielt den Vorsitzenden eines studentischen WG-Castings als scheinbar zahmen Sitz-Yogi, in dem sich ein Monster verbirgt. Der unverschämte Makler sieht hier aus wie ein wiedergeborener Michel Foucault, glatzköpfig überlegen. Sebastian Röhrle, der ihn abgekocht und zynisch gibt, verweist bei Kritik an seinen Vorgaben wie der Türhüter in Kafkas Parabel nur auf die höheren Türhüter, die Hauseigentümer, die die Regeln gemacht haben und deren Anblick vermutlich unerträglich wäre.

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