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„Bilder von uns“ am Theater Bonn : Können Sie nicht aufpassen, Mann!

Folg den Linien deiner Hand: Jesko (Benjamin Grüter) wird spät von seiner Vergangenheit eingeholt. Bild: Thilo Beu

Es beginnt wie ein Psychokrimi und stürzt seinen Protagonisten in eine Verwirrung, aus der er sich nicht befreien kann: Alice Buddeberg inszeniert die Uraufführung von Thomas Melles Missbrauchsdrama „Bilder von uns“ am Theater Bonn.

          Gerade noch einmal gutgegangen: Ein, zwei Sekunden, nachdem er vom Radar geblitzt wurde, wäre Jesko Drescher fast von der Straße abgekommen und in eine Gruppe Kinder gerast, gerade noch rechtzeitig ist er auf die Bremse getreten und unmittelbar vor der Ampel zum Stehen gekommen. „Können Sie nicht aufpassen, Mann!“, herrscht ihn die Lehrerin an, die ihre Klasse über die Straße geleitete, „immer aufs Telefon gaffen. Sie hätten die Kinder fast umgefahren“, doch dann bleibt ihr Blick auf seinem Smartphone hängen. „Was ist das denn?“, schreckt sie auf, „sind Sie einer von der perversen Sorte, oder was?“ Sie hindert ihn am Weiterfahren, will die Polizei rufen, und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich zu erklären: „Also gut. Soll ich Ihnen sagen, wer das ist?“, fragt Jesko und gibt auch schon die Antwort: „Der Junge da bin ich.“

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Doch ein Unfall, ein Zusammenstoß: zwischen der Erinnerung an seine Kindheit und deren dunklen, abgespalteten Seiten, zwischen dem Bild, das er von seinem Leben hat, und einem Detail, das auch dazugehört und alles ändert, doch verblasst, verdrängt, abgelegt war, zwischen der Wahrnehmung von Täter und Opfer, die nur fünf Worte trennen. Mit gerade einmal Ende dreißig hat es Jesko Drescher weit gebracht, er ist Manager des größten Medienunternehmens des Landes, verheiratet, zwei Kinder, das Leben meint es gut mit ihm. Da wird ihm aus heiterem Himmel ein Foto auf sein Smartphone geschickt, das ihn als fast nackten Jungen vor der Pubertät zeigt. Eine Aufnahme aus seiner Schulzeit, mehr als zwanzig Jahre ist das her. Die Begegnung mit dem Verdrängten bringt ihn ins Schleudern. Was trifft ihn da, und wer steckt dahinter?

          Eine szenische Versuchsanordnung

          Das Stück „Bilder von uns“, das Thomas Melle über Missbrauch geschrieben hat, beginnt wie ein Psychokrimi und stürzt seinen Protagonisten in eine Verwirrung, aus der er sich nicht befreien kann. Das Leben geht weiter, doch nichts wird mehr sein, wie es war. Jesko Drescher nimmt Kontakt mit seinen Schulkameraden von damals auf, hört von Malte, der eine „Werbeklitsche“ hat, dass ein anderer, Matuschka, in Amerika wegen Kinderpornographie für sechs Jahre hinter Gitter muss, vertraut sich vorsichtig Johannes, einem saturierten Anwalt, an, der lieber nichts davon wissen will, besucht Konstantin, der in der Psychiatrie sitzt und nicht mehr auf die Beine kommt, er zieht sich zurück und entfremdet sich von seiner Frau Bettina, die er spät in das „Geheimnis“ einweiht, stellt Vermutungen und Nachforschungen an. Ein weiteres Foto kommt mit der Post, mitten in der Nacht erhält er einen anonymen Anruf. Die Bilder lassen ihn nicht mehr los, mit dem Blick auf sein Leben gerät dieses selbst ins Wanken: „Die ganze Jugend wird mir gerade zum Unfall“, schwant es Jesko früh.

          Der Autor, 1975 in Bonn geboren und bisher vor allem seiner Romane „Sickster“ und „3000 Euro“ wegen beachtet, hat in Bad Godesberg das „Ako“, das von Jesuiten geführte Aloisiuskolleg, besucht, in dem es seit den fünfziger Jahren und bis 2005 Missbrauchstaten und sexuelle Übergriffe gab, die erst 2010 öffentlich und nur lückenhaft aufgearbeitet wurden. Melle spielt darauf an, übernimmt Ereignisse und Zusammenhänge, auch Fakten und Einzelheiten, doch hat er kein Dokumentar- und auch kein Schlüsselstück geschrieben, sondern eine szenische Versuchsanordnung entworfen.

          Eine produktive Verwirrung

          In ihren Reaktionen auf die sie einholende Vergangenheit suchen die Figuren in unterschiedenen Richtungen ihr Heil: Malte möchte in einer Talkshow auftreten, Johannes hat sich mit der Verdrängung arrangiert, Konstantin bringt sich um, Jesko kapselt sich ab - Ausdruck der Überforderung, damit umzugehen, gar damit fertig zu werden.

          Wie „Bilder von uns“ Figuren und Positionen neben- und gegeneinanderführt und in 51 Szenen, wechselnd zwischen Dialog und Kommentar, Aktion und Reflexion, in Bewegung hält, mutet das Stück dem Publikum eine produktive Verwirrung zu, die keine Lösungen bietet und die Besucher über den Schluss, der Jesko allzu knalleffektsicher den tödlichen Autounfall nachholen lässt, hinaus beschäftigt. Dass sie die mitunter überbordende Eloquenz des Autors zurücknimmt, lässt die Uraufführung in der Werkstatt des Theaters Bonn spielerische Stringenz und Dringlichkeit gewinnen: Auf einer halbkreisförmigen Bühne, die Cora Saller mit ein paar Klassenzimmerstühlen und antiquierten Diaprojektoren absteckt, stellt die Regie von Alice Buddeberg das Schauspiel prononciert zu der Diskussion, die sein Thema fordert. Ziemlich gutgegangen.

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