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Thomas Mann vor 75 Jahren : Was ist deutsch am deutschen Lied?

Thomas Mann in seiner Münchner Wohnung 1929 beim Schallplattenhören. Bild: SZ Photo

Politisch mag Thomas Mann eine große Läuterung in seinem Leben durchgemacht haben. Aber an der Unvergleichlichkeit der Deutschen hielt er bis zum Schluss fest, besonders in der Kunst des Liedes. Ist sein Urteil legitim?

          5 Min.

          Am 29. Mai 1945, gut drei Wochen nach dem Sieg der Alliierten über das Deutsche Reich, hielt Thomas Mann seine Rede über „Deutschland und die Deutschen“. Es ist Manns Versuch, den Siegern dieses Reich zu erklären, aber auch der Versuch, dem geschlagenen Volk – als Fürsprecher und Vormund zugleich – einen Rest von Würde zu retten.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser Versuch ist problematisch, und besonders anfechtbar sind die Bemerkungen über die deutsche Musik und das deutsche Lied. Thomas Mann entwickelt sie aus dem, was er „die vielleicht berühmteste Eigenschaft der Deutschen“ nennt, „diejenige, die man mit dem schwer übersetzbaren Wort ,Innerlichkeit‘ bezeichnet: Zartheit, der Tiefsinn des Herzens, unweltliche Versponnenheit, Naturfrömmigkeit, reinster Ernst des Gedankens und des Gewissens, kurz alle Wesenszüge hoher Lyrik mischen sich darin“. Was die Welt dieser deutschen Innerlichkeit verdanke, könne sie selbst heute nicht vergessen: „Die deutsche Metaphysik, die deutsche Musik, insonderheit das Wunder des deutschen Liedes, etwas national völlig Einmaliges und Unvergleichliches, waren ihre Früchte.“

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