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Theatertrend : Von Bühnen auf Bildschirmen

  • -Aktualisiert am

Thomas Wodianka in „Dekalog“ von Christopher Rüping Bild: Schauspielhaus Zürich

Warten auf den großen Online-Wurf: Die Theater des Landes überbieten sich gerade in der Ankündigung neuer digitaler Strategien. Was ist aber wirklich sinnvoll?

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          Dass einem das Räuspern der Sitznachbarn einmal fehlen würde, war nicht auszumalen. Das gemeinsame Lachen oder zumindest das Atmen im selben Raum. Die Bühnenkünste sind in eine verfrüht-erzwungene, vermutlich lange Sommerpause geschickt worden. Das Kontaktverbot trifft eine Kunstform, die vom Kontakt lebt und erzählt, hart: Ohne ihr Publikum verliert Theater seinen Sinn, lässt sich weder proben noch ausüben.

          Theater mit Menschen in – wie auch immer gearteten – Räumen: Beides ist momentan kompliziert, und so wandern die Inhalte von den Bühnen in den digitalen Raum. Der Ort ist dort kein geteilter mehr, Gleichzeitigkeit bloß eine Option. In Videos senden derzeit Schauspielerinnen und Schauspieler Lebenszeichen aus Wohnzimmern und Küchen: Gelesenes, Gesprochenes, Gesungenes, im Hoch- und Querformat auf allen Kanälen. Es gibt „Küchenbretter, die die Welt bedeuten“ in Leipzig, das „Zuhauspielhaus“ in Zürich, ein Münchner „Tagebuch eines geschlossenen Theaters“ und ein Berliner „Heimspiel Streaming“, sowie ein virtuelles Theatertreffen vom 1. Mai an mit einer Grundsatzdebatte über Chancen und Gefahren von Theater im Netz.

          Souveränität abgeben

          Und es gibt neue Formate, die vor ein paar Wochen nach einem müden Witz geklungen hätten, und jetzt erfrischend wirken im Vergleich zu all dem Vorproduzierten: So verlagerten die Münchner Kammerspiele die Vorstellung „Yung Faust“ von Leonie Böhm auf die Videokonferenzplattform Zoom. Das Ensemble spielte isoliert im jeweiligen Zuhause und Video-Fenster. Der Protagonist K. aus Franz Kafkas „Schloss“ irrte in Philipp Preuss‘ Internet-Projekt des Schauspiel Leipzig auf derselben Plattform herum. Welche Bedingungen fordern neue Theaterformate? Interaktion sei essentiell, so Christopher Rüping, Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich, in einer Art Twitter-Manifest: Das digitale Theater müsse „einen Teil seiner Souveränität an das Publikum abgeben“. Für den viel beschworenen Kontakt muss das Publikum im Analogen zumindest eine Kondition erfüllen – anwesend sein. Wie ist das im Internet möglich?

          Rüping feierte gut einen Monat nach dem Beginn des Lockdowns Premiere mit einem Live-Stream von Krzysztof Kieslowskis „Dekalog“. Die zehn Episoden in Monologen, , wollen explizit auf die Rezeptionssituation hinter einem Bildschirm eingehen. Am Anfang der ersten Folge saß Rüping in den verwaisten Stuhlreihen und sagte „Willkommen im Theater“. Thomas Wodianka spielte auf der weiß verkleideten Bühne einen zweifelnden Vater. Zu Beginn hakte es an der Technik, der asynchrone Ton zum Bild wirkte unfreiwillig komisch. Aber im Laufe der Stream-Aufführung regten sich im Chat, der parallel unter dem Video lief, Emotionen. Applaus brandete in Form von Klatsch-Emojis: (clap) (clap) auf, jemand schrieb „alle klatschen nur debil“, ein anderer nannte die Vorführung „pathetisch-schön“.

          Nähe und Distanz

          Applaus war für das Thalia Theater nicht möglich. Antú Romero Nunes verwandelte sein Schiller-Triptychon „Ode an die Freude“ in drei Theaterfilme, basierend auf Proben „in unvollständiger Ausstattung“. Jeweils zwei Darsteller wurden in „Maria Stuart“ und „Wilhelm Tell“ hinter und auf der Bühne gefilmt – inklusive Schnitten und Filmmusik. Blumenwiese und Schneefall wurden ins Filmbild eingeblendet: Nunes und Martin Prinoth spielten leichtfüßig mit den Mitteln von Film und Theater, Nähe und Distanz. Um dieses Verhältnis ging es vergangenes Wochenende auch in einer digitalen Konferenz unter dem Thema „Weltübergang“, zu dem sich verschiedene Akteurinnen und Akteure der freien Szene trafen. Christiane Hütter, Initiatorin des Workshops in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, konzipiert sonst interaktive Performances im öffentlichen Raum. Nun erforscht sie „Formate, die digital sind, aber trotzdem Menschen verbinden“. Es gehe darum, den physischen Ort in Teilen zu ersetzen und dabei neu zu denken. Braucht es online ein Foyer, kann ein Chat als Ersatz für die Kantine dienen? Für Hütter sind Impulse aus derVideospiel-Welt anregend beim Nachdenken űber ein Theater der Zukunft.

          Egalitär und flüchtig

          Viele freie Gruppen nutzen inzwischen digitale Instrumente für das Theater selbstverständlicher. Anfang Mai präsentiert machina eX „LOCKDOWN“, ein „Wohnzimmer-Game“ als Stück per App: Es braucht dazu nur den Telegram-Messenger auf dem Smartphone. Forced Entertainment spielt ab morgen in drei Episoden live für das Publikum des HAU, PACT Zollverein und Mousonturm. Das Staatstheater Augsburg liefert VR-Brillen nachhause, auf denen Inszenierungen aus dem Repertoire laufen. Digitales Theater bietet den Vorteil, seine Erzählstruktur dem Tempo und der Referenzfülle des Internets anpassen zu können: egalitär, flüchtig und herausfordernd wie ein Browser mit zu vielen offenen Tabs.

          Was wird bleiben?

          Bei Bildschirm-Überdruss wäre die jetzige Zeit ideal für Audiowalks, wie sie Rimini Protokoll produziert. Live-Podcasts könnten Routen durch Städte weisen und Situationen im öffentlichen Raum schaffen. In Oberhausen steht nun das erste Drive-In-Theater: Der Ton kommt über das Autoradio, Applaus spendet die Lichthupe. Ist das alles bloß Erfahrungssurrogat, bis das eigentliche Theater wieder aufmacht? Wer die große Geste vermisst, die Gemeinsamkeit und die Gegenwart, kann die aktuelle Situation als Plädoyer für das Theater danach lesen. Wenn die Säle wieder öffnen, ist das digitale Theater hoffentlich nicht reine Zwischenlösung geblieben.

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