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Theatertreffen ist eröffnet : Festplatz für Eingeweihte

Sie wollen in Zukunft nicht mehr zwischen digital und analog unterscheiden: Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele und Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens Bild: dpa

Liveness, echt? Das Berliner Theatertreffen beginnt mit großen Hoffnungen auf Zuschauer aus aller Welt und einem fundamentalen Teetassen- Vergleich. Eindrücke von der digitalen Eröffnungsgala.

          2 Min.

          Zehn Tage Regen am Stück, so lauten die aktuellen Wetterprognosen. Trübe Aussichten für alle Gastronomen, die monatelang darauf hingefiebert haben, endlich wieder ihre Terrassen und Biergärten öffnen zu dürfen. Jetzt dürfen sie – und jetzt regnet es. Hervorragende Ausgangsbedingungen hingegen für ein digitales Theaterfestival. Jeden Abend kann man ab sofort unter digital.berlinerfestspiele.de eine der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen des Jahres“ begutachten. Manche in voraufgezeichneter Fernsehform, manche als gegenwärtig entstehendes Kunstwerk – oder, wie Christopher Rüping, Regisseur der Züricher Eröffnungsinszenierung „Einfach ans Ende der Welt“, das in seiner charmanten Anmoderation stolz nannte: „in wirklicher liveness“.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Kostenlos und direkt nach Hause digitalisiert bekommt man also einen Überblick über das, was das deutschsprachige Theater gerade so zu bieten hat. Das offensichtliche Risiko für die Veranstalter ist dabei: Man kann nicht nur leicht ein-, sondern noch leichter ausschalten. Und jeder sieht es. Denn das sind die Kosten der hochgefeierten Transparenz: dass beim Vimeo-Player immer genau angezeigt wird, wie viele Menschen gerade zuschauen. Als Thomas Oberender, Leiter der ausrichtenden Berliner Festspiele, begrüßte, waren es zunächst nur ungefähr dreihundert. Das passte zur tristen Atmosphäre, in der Oberender vor drei traurig herunterhängenden Fernsehscreens und einem bemüht farbenfrohen Bühnenenvironment von einem „neuen Aufbruch“, aber auch von den „Burn Out Gruben“ sprach, in die zuletzt manche erschöpft vom „Stress neuer Standards“ gefallen seien. Die Kulturstaatsministerin berichtete halbwegs begeistert davon, wie viele „neue Ästhetiken und Erzählweisen“ sie am digitalen Theater entdeckt hätte – blieb aber ein Beispiel dafür schuldig. Wahrscheinlich sollte das sowieso nur als Vorlage für die Leiterin des Theatertreffens dienen, die sich gleich im Anschluss eine Theaterzukunft ausmalte, in der man nicht mehr „zwischen analog und digital abwägen“ würde. Was immer das genau heißen sollte.

          Militanz gegen rechte Ikonen

          Klarer wurde da schon der gerade groß gefeierte Akademiker-Rapper Danger Dan, der bei seinem voraufgezeichneten Piano-Konzert im leeren Haus der Berliner Festspiele erst Rio-Reiserhaft romantisch von der bleibenden „Zeit für Dich und mich“ sang, aber dann hart die Spur wechselte und aus dem Gehäuse der Kunstfreiheit heraus zur „Militanz“ gegen rechte Ikonen der Gegenwart aufrief. Da waren dann schon ungefähr achthundert Zuschauer zugeschaltet und übten ihr Recht auf Begeisterungsbekundung – im Jargon der neuen Eigentlichkeit: „Partizipation“ oder „digitale Demokratisierung“ – durch das freigiebige Versenden von Emoticons aus. Blumensträuße, Herzchen, gratulierende Hände – alle waren sehr nett und unterstützend und wurden auch immer mehr. 1500 Zuschauer waren es, als das eigentliche Theater begann, also rund fünfhundert mehr, als im Festspielhaus Platz gehabt hätten. Aus der „weiten Welt“, die Rüping vorsorglich mitbegrüßte, waren dann also doch nicht so viele gekommen. Ob analog oder digital, ob kunsterhaben oder partizipativ: das Theatertreffen bleibt ein Festplatz für Eingeweihte.

          Als so einer konnte man sich dann auch gleich fühlen, bei der rund fünfzigminütigen Eingangssequenz von Rüpings Inszenierung des erfolgreichen Familiendramas „Bis ans Ende der Welt“ von Jean-Luc Lagarce. Mit nur einer Handkamera gefilmt, um den subjektiven Blickwinkel des Zuschauers zu simulieren, begann der Abend schwerfällig mit einer langen Fahrt durch das Bühnenbild von Jonathan Merz. Danach gab es erst einmal eine Pause und fünfzehn Minuten Zeit, um als Avatar im 3D-programmierten Festivalgarten herumzustreunen – Zugangsbedingung: Google Chrome und ein schnelles Internet. Überhaupt ist die Bit-Zahl inzwischen zum neuen Eintrittsgeld geworden, das nicht wenige ausschließt. Die Chatfunktion wurde während der Vorstellung mithin weniger für Qualitätsdebatten als für Berichte über Systemabstürze genutzt. Und so bewahrheitete sich am Ende ein Satz vom Anfang, den Thomas Oberender en passant gesagt hatte: dass nämlich auch die digitale Welt nicht ohne Ressourcenverschwendung zu haben sei. Wenn das Versenden einer E-Mail inzwischen genauso viel Energie verbrauche, wie eine Tasse Tee aufzubrühen, fragte er, wie viel wird dann wohl der Stream einer Theateraufführung kosten?

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