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Theatertreffen-Auswahl : Am Penis durch die Betriebsmanege

Artistisch-exhibitionistisch: Szene aus der zum Theatertreffen eingeladenen Tanzperformance von Florentina Holzinger Bild: Eva Würdinger

Die Auswahl zum 57. Theatertreffen steht fest. Neben absoluten Entgleisungen sind diesmal auch ein paar Höhepunkte des vergangenen Theaterjahres darunter.

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          Einen Schauspieler am Penis gezogen einmal im Kreis laufen lassen – das ist „bemerkenswert“. Einen zart melancholischen Hamlet an der Schwelle zum Ernst des Lebens – das ist ebenfalls „bemerkenswert“. Und ein Monolog über das Seelenleben eines kosmopolitischen Staubsaugers – auch das ist „bemerkenswert“. Die Jury des Theatertreffens hat in diesem Jahr eine „bemerkenswert“ uneinheitliche Auswahl getroffen. Widersprüchlich könnte man auch sagen oder eben: facettenreich.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Unter den zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum“ ragen der Berliner „Menschenfeind“ mit Ulrich Matthes, der Bochumer „Hamlet“ mit Sandra Hüller und der Münchner „Vacuum Cleaner“ von Toshiki Okada deutlich heraus. Als Ehrenauszeichnung in ihrem zwanzigsten Jubiläumsjahr kann die Einladung des aktuellen Performance-Projektes „Chinchilla Arschloch“ von Rimini Protokoll gelten. Mit Katie Mitchells „Anatomie eines Suizids“ von Alice Birch aus Hamburg und Claudia Bauers „Süßer Vogel Jugend“ von Tennessee Williams aus Leipzig sind zwei Beispiele des literarischen, mit Alexander Giesches „Visual Poem nach Max Frisch“ ein Vertreter des transmedialen und mit Anta Helena Reckes „Kränkungen der Menschheit“ ein Repräsentant des identitätspolitischen Theaters eingeladen.

          Aus der Reihe fallen einerseits ein uferlos bescheuerter „Fight- und Fick-Club“-Abend (SZ) zu Pasolini aus München und andererseits eine artistisch-exhibitionistische Tanzperformance der aufsehenerregenden österreichischen Jungchoreographin Florentina Holzinger. Erstmals war bei der Auswahl eine Frauen-Quote berücksichtigt worden, sodass sechs der zehn eingeladenen Stücke von Frauen stammen. Die ebenfalls paritätisch besetzte Jury aus Theaterkritikerinnen und -kritikern hat insgesamt 432 Inszenierungen in 56 deutschsprachigen Städten besucht und aus einer Shortlist von 35 Inszenierungen ausgewählt.

          Dass darauf so grandiose Theaterabende wie Johan Simons „Iwanow“-Inszenierung mit Jens Harzer oder Michael Thalheimers wagemutige Produktion von „Glaube und Heimat" fehlen, ist wohl weniger ein Zeichen von Ignoranz als von vorauseilendem Gehorsam. Denn in erster Linie ist es ja der schmalspurige Betrieb selbst, vor dem sich die Jury mit ihren Entscheidungen verantworten muss. Nicht das Publikum. Und nicht die Schauspieler. Für sie lohnt sich der Besuch des diesjährigen Theatertreffens aber in jedem Fall. Und für einen Überblick über die große Bandbreite dessen, was unser derzeitiges deutsches Theater ausmacht. Gezeigt werden die Aufführungen vom 1. bis 17. Mai im Haus der Berliner Festspiele.

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