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Publikumsrenner in Berlin : Liebe ist eine Katastrophe

Last oder Lust, das ist hier die Frage: Andreas Schröders. Mark Waschke, Lise Risom Olsen (von unten) Bild: Gianmarco Bresadola

In Berlin ist das Stück „Love Hurts In Tinder Times“ ständig ausverkauft. Ein Abend mit nackten Wahrheiten über Begehren im Zeitalter der Dating-Apps.

          Berlin, Freitagabend, Schaubühne am Lehniner Platz: Im Restaurant sitzen vier junge Frauen mit Schlaghosen und blättern durch ein Hipster-Magazin; ein Schnurbartträger bestellt an der Theke eine Holunder-Bionade, während sein Freund im weißen Langparka in der Tür steht und aussieht wie ein Schneemann im Sonnenschein. Jung, ambitioniert und ergebnisoffen ist das Publikum an diesem Abend, denn es geht um Liebe. Um Liebe und Sex und alles, was dazwischenfällt.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          "Love Hurts In Tinder Times" heißt das Impro-Theaterstück des Performancekünstlers Patrick Wengenroth, das vor einem Jahr an der Schaubühne Premiere hatte und seitdem ständig ausverkauft ist. Gespielt wird im "Studio" schräg gegenüber vom Haupthaus. Gleich daneben war früher das "Far Out", jene niederschwellige Großstadtdisco, in der Vierzehnjährige bis Mitternacht Zungenküsse üben konnten und zwischen AC/DC oder Pink auch mal ein Wiener Walzer gespielt wurde. Inzwischen ist dort ein Fitnessstudio eingezogen. Hinter der Fensterfront sieht man Männer in Muskelshirts Gewichte stemmen: der Körper als Ausstellungsstück, Schwitzen als expressive Performance.

          Oben im Theater-Studio hat sich eine kleine Liebesgemeinde versammelt. Pärchen, Freundinnen, Einzelgänger stehen herum und wissen nicht genau, was sie erwartet. Kurz vor Beginn der Aufführung schlendert Hauptdarsteller Mark Waschke durch das Publikum. Bekannt wurde er als Berliner "Tatort"-Kommissar, der gern mal Sex mit Männern hat. Und auch jetzt küsst er einen alten Freund mit Schnauzbart zur Begrüßung lässig auf den Mund. Ist er schon in der Rolle? Oder noch in der Zwangsjacke des eigenen Ich? Das fragt man sich den ganzen Abend über, wenn man ihn anschaut und ihm zuhört. Ist das Spiel, Verwandlung, eingeübter Textvortrag oder ein Bekenntnis?

          Es geht um die ganze nackte Wahrheit: Lise Risom Olsen, Mark Waschke und Andreas Schröders zeigen Körpereinsatz.

          Drei angezogene Körper stehen anfangs auf der Bühne, ein mittelalter Mann mit Bauch und Brille (Andreas Schröders), eine junge Frau mit kurzen Haaren (Lisa Risom Olsen) und eben Waschke im verwaschenen blauen Pullover. Lange bleiben die Kleider nicht an den Leibern, nach einem Pet Shop Boys-Cover - "Love is a catastrophe / Look what it's done to me" - streifen die drei ihre Hüllen ab. Das Nacktsein dient nicht wie sonst oft der faden Provokation, sondern macht deutlich: Hier soll sich nicht versteckt werden. Es geht um Wahrheit. Und zwar um die ganze.

          Aus unterschiedlichen Perspektiven umkreisen die drei Prototypen in zweieinhalb Stunden die Themen Sex und Eros, Liebe und Betrug. Es geht um ewig brennende Fragen: Was macht man mit seinem Verlangen? Unterdrücken, einhegen, ausleben? Könnte es sein, dass sich das monogame Beziehungsmodell überlebt hat, wo an jeder Ecke ein potentieller Sexpartner auf das Display seines Smartphones schaut und Neues von Dating-Apps wie Tinder erwartet? Ist da die romantische Vorstellung einer ausschließlichen Zweisamkeit gar nicht mehr à jour?

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche.

          Der nackte Waschke quatscht am meisten. Ein bisschen Farbe hat er sich auf den muskulösen Körper geschmiert, vor lüsternen Blicken aus dem Publikum schützt ihn das nicht. Wild gestikulierend, erzählt er, wie er sich jeden Tag mindestens dreimal verliebe: in der U-Bahn, beim Joggen oder Kinder wegbringen. Wie er daran leide, seine Leidenschaft nicht ausleben zu dürfen. Weil gesellschaftliche Umgangsformen das verböten, weil freie Lustausübung unter moralischer Strafe stehe. In Zeiten wie diesen besonders. Ein neuer Puritanismus greife um sich. Jedenfalls im Leben der Normalbürger. Dass die Reichen im Silicon Valley wilde Sexpartys feierten, geschenkt. Aber du und ich, unter welchen Zwängen lebten und liebten wir?

          Manchen geht das zu weit, andere langweilen sich

          Waschke geht das Publikum direkt an. Er fragt ein junges schwules Paar inquisitorisch, wie es mit Betrug umgehe. "Also Küssen und Streicheln geht, aber der endgültige Sex miteinander ist tabu? Warum eigentlich?" Lise Risom Olsen lässt sich Farbe auf ihre Brüste tropfen und schaut verträumt ins Leere. Das Konzept der Polyamorie biete für sie und ihre unterschiedlichen Lüste einen Ausweg, sagt sie. Ihr Liebesleben zu koordinieren bedeute einen gewissen organisatorischen Aufwand, aber am Ende fühle sie sich befreiter. Der dritte Eros-Prototyp im Bunde, Andreas Schröders, schaut den Enthüllungen seiner Kollegen etwas hilflos zu. Sein Körper spricht keine offensichtliche Einladung aus. Was das Fleisch nicht vermag, muss der Geist wettmachen: Er zitiert Theorien, Texte der feministischen Philosophin Judith Butler und der Performance-Künstlerin Marina Abramovic, spricht von Bedingungen, Arbeitsanforderungen, Transaktionskosten der Liebe. Was muss man anstellen, damit sie nicht zur Ware wird?

          Ein paar Zuschauern geht der Abend zu weit, andere langweilen sich. In Berliner Swingerschuppen passiere doch, was auf der Bühne abstrakt verhandelt werde, jedes Wochenende. Aber so einfach ist es nicht. Wovon der Abend handelt, ist nicht der explosive, einmalige Ausbruch aus der Norm, um dann wieder einigermaßen befriedigt in den monotonen Alltag zurückkehren zu können. Es geht um die Aushandlung von freier Liebe auf Dauer. Und um die Frage, wie weit bei jedem von uns Zeitgenossen Theorie und Praxis voneinander entfernt sind.

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