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Flüchtlinge auf der Bühne : Willkommenskultur ohne Rabatte und Euphemismen

Die Lektion der Leopardin: Jessica Glause zeigt, was eine Metapher ist. Bild: W. Hösl

München macht eine Flüchtlingsoper mit authentischem Personal – der Witz dabei: Jeder soll sich seiner Rolle entsprechend verhalten. Das gelingt auf interessante Art und Weise.

          5 Min.

          „Seid ihr o.k., Jungs?“ Die Frage der Regisseurin bezieht sich auf das Verständnis des Textes, den die Jungen soeben gesungen haben. Drei Dutzend Jugendliche im Alter zwischen sechzehn und zweiundzwanzig Jahren erarbeiten für die Bayerische Staatsoper ein Musiktheaterstück: „Noah“. Die Mitwirkenden wurden aus drei Gruppen rekrutiert: Flüchtlinge, die kürzlich in München angekommen sind; Zuwanderer, die seit einigen Jahren hier leben; und Einheimische. Unter den Ortskundigen, von denen viele ein musisches Gymnasium besuchen, sind die Mädchen in der Überzahl. Alle Neuankömmlinge sind männlichen Geschlechts.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In der dreimonatigen Probenarbeit wird das Werk Stück für Stück zusammengesetzt, wie das Schiff, von dem es handelt. Fragmente aus Benjamin Brittens Oper „Noye’s Fludde“ finden Verwendung, die ebenfalls für junge Stimmen komponiert ist. An diesem Probentag fünf Wochen vor der Premiere hat der musikalische Leiter Benedikt Brachtel eine neue Nummer mitgebracht, die er geschrieben hat. Zwei Verse nur, umgesetzt in eine in einfachen Schritten fortschreitende Melodie, unisono zu singen. Die Sorte von Übungsstück, das Anfängern durch bloßes Durchsingen Sicherheit gibt. Am Ende kann man wieder von vorne beginnen. Der erste Vers lautet: „Nicht einmal mehr die Vögel fliegen über Homs.“

          Als plötzlich ein Stimmengewirr einsetzt

          Die Flüchtlinge unter den Mitwirkenden kommen aus Syrien, dem Land, in dem die Stadt Homs liegt, oder sind auf dem Weg von Afghanistan an Syrien vorbeigekommen. Das Ensemble steht um den Flügel herum, kraftvoll steigt der Klagegesang von den fehlenden Vögeln empor. Gemeinsamer Gesang verbindet und trägt. Man muss nur einstimmen und ist dabei. Als Erfolg erlebt man, dass die eigene Stimme im Ganzen aufgeht. Technisch gesehen, eignet sich nichts besser für die Arbeit an der Integration von Jugendlichen als ein Chorprojekt.

          Jessica Glause, die Regisseurin von „Noah“, setzt auf diesen Effekt, aber misstraut ihm auch. Sie will wissen, ob die Sänger auch wissen, was sie da singen. Zunächst erhält sie von allen Seiten die Versicherung, der Text werde verstanden, allerdings in der Mischung von Zeichen- und Lautsprache, die in Gruppen für solche Mitteilungen gebräuchlich ist. Die Regisseurin hakt nach, wie in der Schule, und schließlich zeigen drei Jungen auf. Sie könnten den Inhalt nicht mit eigenen Wörtern wiedergeben. Ein Stimmengewirr setzt ein, und diejenigen, die den Satz verstanden haben, betätigen sich als Dolmetscher und Erklärer.

          Der feste Boden des Verstehens ist zum Greifen nah

          Jessica Glause ist aber noch nicht zufrieden. Ihre Schützlinge sollen von den Vögeln nicht wie die Vögel singen, sondern begreifen, warum sie singen, was sie singen. „Die Geschichte ist eine Metapher.“ Und da nichts unverstanden bleiben soll, da die Verantwortlichen des Kinder- und Jugendprogramms der Staatsoper nicht möchten, dass die Syrer und Afghanen nur freundliche Miene zu einem undurchsichtigen Spiel machen, sieht sich die Regisseurin genötigt, auch ihren Kollegen, dem Dirigenten, der Chorleiterin und dem Dramaturgen, eine Frage zu stellen, und zwar eine verteufelt schwierige: „Wie erklärt man ,Metapher‘?“

          Für einige Minuten verwandelt sich die Probe in ein Seminar. „Bildhafter Ausdruck, danke!“ Eine bündige Antwort, aber auch nicht aus sich heraus verständlich. Uns ist beim Zuhören etwas blümerant zumute. Als wir zwischen sechzehn und zweiundzwanzig Jahre alt waren - wann haben wir wohl den Begriff der Metapher begriffen? Da gab es diese Geschichte mit Alexander und dem Löwen, aber haben wir sie verstanden? Jessica Glause ist auf einen Stuhl geklettert, beugt sich vor, scheint nun zu schweben über dem spiegelglatten Flügeldeckel, fast wie die von Noah ausgesandte Taube: Ihre inständige Ansprache verheißt, dass der feste Boden des Verstehens zum Greifen nah ist.

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