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Theaterstück „Junk“ : Die geheime Abwehrkraft des Geldes

Der Irrsinn des Kapitalmarktes: Für den Autor zahlte sich die Lektüre des Wall Street Journals aus. Bild: Thomas Dashuber

Ehrgeiz des Bösen: Ayad Akhtar „Junk“ wird am Münchner Residenztheater gespielt – ein düster-zynisches Lehrstück über den amoklaufenden Kapitalismus.

          Als Ayad Akhtar nach dem Theaterstudium an der Brown University und einer Schauspielausbildung in Italien in den späten neunziger Jahren nach New York zog, machte ihm der um seine Zukunft besorgte Vater ein Angebot: Solange er jeden Tag das „Wall Street Journal“ lese, würde er ihm in der Hoffnung, dass er sich auf diese Weise mit Anlagemöglichkeiten vertraut mache, seine Miete bezahlen. Akhtar las die Zeitung aufmerksam, aber statt zu investieren, führte er Buch über waghalsige Transfers und besonders rabiate Übernahmen. Dann ging er zum Film, schrieb Drehbücher und bald auch Theaterstücke.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          „Geächtet“, ein politisches Boulevardstück über eine Dinnerparty, die wegen islamkritischer Äußerungen des Gastgebers außer Kontrolle gerät, wurde sein erster großer Erfolg. Im Folgestück „The Who and the What“ will eine junge muslimische Autorin ein Buch über den Propheten Mohammed schreiben und wird daraufhin von ihrem Vater verstoßen. „Invisible Hand“, das dritte Stück, das Akhtar innerhalb von acht Monaten schrieb, kombinierte auf überraschende Weise das Themenfeld Islam mit der Welt der Finanzen: Terroristen kidnappen einen Hedgefonds-Manager, damit der für ihren korrupten Imam via Internetbanking Millionen erwirtschaftet. Akhtars neuestes Stück „Junk“, das in Amerika schon 2015 uraufgeführt wurde und jetzt auch auf deutschen Bühnen zu sehen ist, beschäftigt sich ausschließlich mit dem Irrsinn des Kapitalmarkts. Das väterliche Zeitungs-Abonnement hat sich also bezahlt gemacht.

          „Vorsichtig schreibt niemand Geschichte“

          Die Handlung spielt Mitte der achtziger Jahre, als eine neue Generation von Investoren und Spekulanten in Amerika die Spielregeln des Marktes umdefinierte. Mit Hochrisikoanleihen – sogenannten Junk-Bonds – verdienten sie ungeheure Summen und entwickelten Finanzierungsmodelle, die auf stetig wachsenden Schulden aufbauten. Dass sich die Geschehnisse im Stück in vergangener Zeit und nicht in der Gegenwart abspielen, bemerkt man nur daran, dass hier noch Schecks ausgestellt werden und das Telefon „zu Hause“ klingelt, wenn im Büro niemand mehr zu erreichen ist.

          „Junk“ von Ayad Akhtar feierte am 22. April 2018 seine deutsche Premiere im Residenztheater München.

          Zentrale Hauptfigur ist ein jüdischer Investmentbanker namens Robert Merkin, der dem legendären Junk-Bonds-König Michael Milken nachempfunden ist. Er leakt Informationen, um Kurse zu manipulieren, handelt mit Ramschanleihen und setzt Strohmänner ein, um Takeovers zu erzwingen. „Vorsichtig schreibt niemand Geschichte“, posaunt er und vergleicht sich am liebsten mit JP Morgan. Merkins Ziel ist die feindliche Übernahme eines alten Stahlunternehmens, das noch in Familienbesitz ist und sich den traditionellen Werten der Fertigungsindustrie verpflichtet fühlt. Sein Chef Tom Everson fühlt sich nicht nur gegenüber seinen Aktionären verantwortlich, sondern vor allem auch gegenüber seinen Arbeitern, die bei einem „Takeover“ ihren Job verlieren würden. Merkin greift Emerson aus finanziellen Gründen an, aber auch deshalb, weil die alten, antisemitischen Finanzmogule lange Zeit den Aufstieg von Juden verhindert haben.

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