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Münchner Kammerspiele : Aus dem Seelenleben eines Staubsaugers

  • -Aktualisiert am

Sie gibt alles: Julia Windischbauer spielt den Staubsauger. Bild: Julian Baumann

Der Japaner Toshiki Okada verbeugt sich an den Münchner Kammerspielen vor einem vermeintlich banalen Helfer: dem Staubsauger. Er schluckt auch Verzweiflungsschreie.

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          Sein Blick ist vom Herunterschlingen der Dinge so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Haarnadeln, Knöpfe, Münzen, Ohrringe, Schlüsselanhänger – es gibt nichts, was es nicht gibt, auf dem schmutzigen Boden, über den er fährt. Menschen lassen unachtsam vieles fallen und übersehen es dann von ihrer hohen Warte aus. Aber er sieht die Dinge, denn er schaut von unten auf die Welt. Er räumt auf und nimmt zu sich, was sonst für immer verloren bliebe: der Staubsauger. Kein einfacher Gegenstand, sondern ein seelsorgendes Lebensmittel. Er gibt alles für uns, aber was geben wir ihm?

          In Toshiki Okadas neuester szenischer Phänomenologie an den Münchner Kammerspielen geht es um die Einsamkeit der Menschen und der Dinge. In Japan leben über eine Million Erwachsene noch bei ihren Eltern, oft in ihren Kinderzimmern, fünfzigjährige Söhne, die von den Renten ihrer achtzigjährigen Mütter abhängig sind. Sie haben sich aus der Gesellschaft zurückgezogen, sind „Hikikomori“, „in sich selbst Zurückgezogene“, die den zerstörerischen Pakt mit den Leistungsträgern aufkündigen und stattdessen die Leberflecke auf ihren Körpern zählen.

          Annette Paulmann spielt so eine. Das Studium hat sie abgebrochen, nie angefangen mit einer Arbeit. Den Tag verbringt sie in unterschiedlichen Körperpositionen oben in ihrem Zimmer, während unten der vergessliche Vater von Kaffeegerüchen erzählt. Gegen Mittag schaltet sie den Staubsauger an und brüllt sich ihre traurige Wut aus dem Leib. Sein sonores Sauggeräusch schluckt auch ihre Verzweiflungsschreie zuverlässig, aber ihr drängendster Wunsch bleibt, einmal im Leben sagen zu können: „Das ist kein Problem.“

          Ihre eigenen Träume aufsaugen

          Paulmann tritt im blauen Schlabberpulli mit Reiterhosen als resolut Aussichtslose auf, jede Träne verbittet sie sich, zeigt ihre Gefühle lieber durch plötzliche Körperzuckungen. Wenn sie träumt, dann davon, wie ihr Vater sie umbringen könnte, mit einem Kissen, nicht mit einem Messer hoffentlich, denn das würde wieder so viel Arbeit machen für „Deme“, ihren Staubsauger. Den spielt die umwerfende Julia Windischbauer. Mit einem unterdrückten Lächeln um den Mund, in grüngelbem Röhrentop trippelt sie durch die mit papierenen Schiebetüren getrennten Zimmer der von Dominic Huber feinfühlig nachgebauten traditionellen Minka. Ihre Sätze untermalt sie mit rahmenden Gesten, umzittert jedes Wort mit ihren Fingern. So viel hat sich in ihr von dem angestaut, was sie selbst nicht aufsaugen kann: ihre eigenen Träume.

          Im wunderschönen Schlussdialog schwärmt ihr ein junger Mann von kosmopolitischen Staubsaugern vor, „die Erfahrungen mit allen möglichen Steckdosen und Reisesteckern gemacht, kriegserprobte Veteranen, die Spannungen von 220 und 100 Volt erfahren haben, starke Persönlichkeiten, deren Reisepässe voll sind mit Ein- und Ausreisestempeln“, und Deme, die in ihrem Leben nur einmal kurz draußen auf dem Balkon war, um vom Wind verwehte Wäsche anzusaugen, schaut verlegen zu Boden. In diesem Moment überkommt auch sie die Sehnsucht danach, eine Hoffnung zu haben.

          „The Vacuum Cleaner“, Okadas vierte Arbeit an den Kammerspielen, übertrifft alle seine bisherigen: So poetisch, so zart erzählt er davon, was es heißt, einsam zu sein, wie schnell es gehen kann, der Welt abhandenzukommen.

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