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Theaterstreit : Faust raus!

  • -Aktualisiert am

Was muss sich ein Schriftsteller bei der Dramatisierung seiner Werke gefallen lassen? Keinesfalls alles, wie Daniel Kehlmann und Dea Loher zeigen.

          2 Min.

          Man stelle sich vor, der Autor eines wirklich guten Theaterstücks oder wenigstens dessen Geist säße im Zuschauerraum eines deutschen Regisseurstempels und müsste mitansehen, was sie auf der Bühne mit seinem Drama anstellen: brutal kürzen; Figuren rausschmeißen; Leute, die der Dramatiker leben lässt, abschlachten; Leute, die der Dramatiker abschlachtet, weiterleben lassen – und dergleichen Unfug mehr.

          Würden die Gespenster mit der Spuksubstanz eines William Sh. oder Friedrich Sch. oder Heinrich von K. oder Gotthold Ephraim L. oder Georg B. anfangen laut zu heulen? Mit den Ketten rasseln? Oder wie jüngst im Frankfurter Rémond-Theater der ungeisterhafte, lebend anwesende Jungdramatiker Daniel K., Autor keines guten, aber machwerkhaft geschickten Stücks namens „Der Mentor“ (worin ein alter und ein junger Dramatiker sich boulevarddauernd anmisten), türenschlagend empört den Saal verlassen – demonstrierend, dass man „keinen großen Skandal“ machen, aber nicht länger die Faust in der Hosentasche krampfen, sondern sie öffentlicher Entballung zuführen wolle? Nein, große Geister und große Stücke zeichnen sich dadurch aus, dass sie was aushalten. Und dass sie denen, die sie kleinmachen, einfach übern Kopf ins Ungeheure wachsen. So schlagen sie klassisch zurück: Die Faust, die sie ballen könnten, tritt als Schlag ins Regiekontor von selbst zu Tage.

          Und Lessing lacht

          Jetzt aber kommt die Nachricht, dass der Frankfurter „Verlag der Autoren“ und seine Autorin Dea Loher es dem Theater Bremen untersagt haben, Lohers „Unschuld“ zu inszenieren. Weil der Regisseur Alexander Riemenschneider (mit dem berühmten Holzschnitzer weder verwandt noch verschwägert) eine „zentrale Figur“, die weltverekelte Philosophin Ella, gestrichen und somit „massive Urheberrechts- und Vertragsverletzungen“ verschuldet habe.

          Das ist recht so. Und hat auch gefruchtet: Das Theater gibt klein bei, fügt die gestrichene Figur brav wieder ein und darf nun weiterspielen. Dea Loher und ihr Verlag haben ja auch ein Recht auf ihr ganzes Stück, dürfen jedwede Faust aus der Tasche holen und brauchen juristisch nicht hinzunehmen, was ein einfallspinseliges Theater mit einem kleinen Drama alles anstellen möchte, in dem noch blinde Nackttänzerinnen, abgebrochene, auf Totenurnen scharfe Medizinstudenten, verfaulende Diabetikerbeine, schwarze Migranten, die lieber Rettungsschwimmer wären, eine Frau, die sich aller Verbrechen beschuldigt und eine Plastiktüte voller Geld auch lauter zentrale Rollen spielen. Wenn aber demnächst wieder irgendwo das Fräulein Minna von B. von einem koksenden Hotelwirt mit der MP umgenietet wird, hören wir Gotthold Ephraim L. einfach nur böse lachen. In Elysium. Nicht vor Gericht.

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