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Theaterserie Ostrowski : Armut ist die größte Sünde

Menage a trois: Lidia, ihr Mann Wassilkow und der Zyniker Glumow (gespielt von Elfriede Irrall, Jan Hendricks und Karl Heinz Kreienbaum) in einem DDR-Fernsehspiel von 1964. Bild: Picture-Alliance

Das vergessene Theaterstück „Tolles Geld“ von Alexander Ostrowski ist eine Wundertüte mit einer aufreizenden Heroine und einem trällernden Lustgreis. Höchste Zeit, es wieder auf einer deutschen Bühne zu spielen.

          2 Min.

          Alexander Ostrowski, 1823 geboren und 1886 gestorben, einer der fruchtbarsten russischen Stückeschreiber, begründete die nationale Dramatik als Komödie der menschlichen Gier und emotionalen Intelligenz. Seine dem Realismus zuzurechnenden Werke schlagen die Brücke zwischen den grotesken Sittenbildern eines Nikolai Gogol und der zärtlichen Skepsis eines Anton Tschechow, sie sind Dauerbrenner in Ostrowskis Heimat, werden hierzulande aber nur gelegentlich gespielt – womöglich, weil der Autor, ein studierter Jurist, der den Menschen lange als Gerichtsbeamter erforschte, seine Figuren einerseits bis auf ihren materialistischen Kern entblößt und sich zugleich eine Prise Didaktik nicht verkneifen kann.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei sind Ostrowskis Werke zumal in Umbruchsphasen hochgradig aufregend. Das gilt zumal für das Lustspiel „Tolles Geld“, in dem während des aufblühenden Kapitalismus eine ehrgeizige junge Frau eine Schule der Selbstvermarktung durchläuft. Wie sie mit ihrem Reiz pokert, darin offenbart sich eine weibliche Spielernatur, die bezaubert und erheitert.

          Ostrowskis männlicher Held, Sawwa Wassilkow, repräsentiert die neue Ökonomie, er ist sachkundig, in verschiedenen Branchen aktiv, bestens vernetzt, weiß, was was kostet, handelt auch mit Wertpapieren. Nur fürs stilvolle Amüsement und die Repräsentation fehlen dem aus einfachen Verhältnissen Aufgestiegenen Talent und Erfahrung. Das soll die lebenslustige Lidia ausgleichen, die er in der ebenso fröhlichen, aber hochverschuldeten Moskauer Adelsgesellschaft kennenlernt und heiratet. Lidia, die selbst auf Pump im Luxus schwelgt, ist von Wassilkow freilich vor allem genervt. Mit einem selbstverständlichen Kalkül, das an die Philosophie der männermanipulierenden russischen „Sterwa“ (zu Deutsch etwa: Luder) erinnert, für die man in Moskau heute sogar Ausbildungskurse besuchen kann, schenkt sie ihrem Gatten in abgemessenen Portionen gerade so viel Zärtlichkeit, wie es braucht, damit er ihre unbezahlten Rechnungen begleicht. Wobei sie stets hervorhebt, von praktischen Dingen nichts, dafür aber von französischen Büchern und Mythologie sehr viel zu verstehen.

          Schnorren als Lebensform

          Eines von Ostrowskis frühesten Dramen heißt „Armut ist kein Laster“ und endet damit, dass ein reicher Kaufmann der Liebesheirat seiner Tochter mit einem armen Angestellten zustimmt. Fünfzehn Jahre später legt er seiner Lidia das genau gegenteilige Credo in den Mund. Das größte Laster sei die Armut, erklärt sie der um ihre Moral besorgten Mutter, und stellt ihre Liebestücke als echten weiblichen Heroismus hin. Kultivierte Galane, die das Schnorren zur Lebensform perfektioniert haben, bestätigen sie in dieser Überzeugung. Beispielsweise der zynische Glumow, der Wassilkow eine Goldmine andichtet, um sich auf seine Kosten zu vergnügen, oder der ständig Opernarien trällernde Lustgreis Kutschumow, der Lidia verspricht, sie mit Geldgeschenken vom „erniedrigenden“ Sparkurs ihres Mannes zu erlösen, wenn er sie dafür knutschen darf.

          Aber Lidia überschätzt ihre Macht, bricht leichtfertig mit ihrem Mann und unterschätzt ihre Spielpartner. Denn der alte Kutschumow liefert einfach nicht und mimt den Vergesslichen. Der listige Glumow leiht hübschen Damen grundsätzlich nichts, sondern dient sich lieber alten, dafür vermögenden Frauen als persönlicher Sekretär an. Und der Schönling Teljatew sagt offen, dass mehr als eine Affäre von ihm nicht zu holen sei. Abgebrüht wie er ist bleibt Teljatew auch gelassen, als die Gerichtsvollzieher wieder einmal bei ihm anrücken – während deren Besuch Lidias mondäne Fassade zum Einsturz bringt.

          Mit kindlicher Verzweiflung fleht sie Wassilkow an, sie zurückzunehmen, ist plötzlich sogar bereit, auf dessen Landgut das Einmaleins der Hauswirtschaft zu lernen, was heute superinkorrekt und nicht leicht zu spielen ist. Aber gemäß der „Sterwa“-Kriegskunst dürfte das in ihrer Lage die strategisch klügste Entscheidung sein. „Tolles Geld“ ist ein fulminantes Beziehungsdrama in aufrührerischer Zeit, das den Kampf um wahre Werte mit erotischem Witz aber zugleich auch russischer Härte auf die Bühne bringt. Wann wird es hierzulande endlich wieder aufgeführt?

          Die Theaterserie „Spielplan-Änderung“ stellt Bühnenstücke vor, die unbedingt wieder mehr gespielt werden müssen. Alle bisherigen Beiträge finden Sie unter faz.net/theaterserie

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