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Theaterserie: Aphra Behn : Der Mann als Verführer? Da kann sie nur lachen

So turbulent wie bei Aphra Behn war das Leben von Frauen im 17. Jahrhundert selten. Bild: Picture-Alliance

Noch abenteuerlicher als ihr eigenes Leben sind die Komödien der ersten Berufsschriftstellerin und Spionin Aphra Behn. Trotzdem wurde hierzulande noch kein einziges ihrer Stücke gespielt. Weshalb wird die Autorin ignoriert?

          Es ist ein schlechter Witz, dass hierzulande, wenn wir nichts übersehen haben, noch keine einzige Komödie dieser Frau gespielt worden ist. Denn nicht nur war Aphra Behn, die von 1670 bis 1687 für die Londoner Kompagnie „Duke’s“ achtzehn Stücke schrieb, die erste Berufsschriftstellerin überhaupt, die erste Frau, die vom Stückeschreiben lebte. Sie führte nicht nur ein farbenfrohes Leben: Kolonialjugend in Surinam, kurz verheiratet mit einem Hamburger Kaufmann, später Spionin der britischen Krone in Flandern, ständig mit einem Fuß im Schuldturm oder Gefängnis, schließlich die Lebensgefährtin eines Homosexuellen.

          Auch ihre Komödien sind eine abenteuerliche Abfolge von Maskenspielen, androgynen wie bisexuellen Verkleidungs- und Verwechslungsintrigen. Eine Zeit, die sich viel auf ihren Sinn für Diversität, den Unterschied zwischen Sex und Gender sowie die Entdeckung weiblicher Künstler einbildet, erscheint darin fast unglaubwürdig, so lange sie Aphra Behn ignoriert.

          „Sie würde, wenn sie könnte“

          Achtzehn Jahre lang waren seit 1642 die Theater in England geschlossen gewesen, zunächst des Bürgerkriegs wegen, dann der puritanischen Humorlosigkeit seiner Sieger halber. Erst als zwei Jahre nach dem Tod Oliver Cromwells 1658 der vergnügungsfreudige Thronfolger, Karl II., aus dem französischen Exil zurück nach London kam, öffneten sie wieder, um wenig später, als 1665 die Große Pest ausbrach, noch einmal für sechzehn Monate zu schließen. Danach begann die hohe Zeit der sogenannten Restaurationskomödie, in der die beiden hauptstädtischen Kompagnien, King’s und Duke’s Company, dem frivolen Affen Zucker gaben. Allein die Titel der Stücke zeigen an, von welchem Geist sie waren: „Sie würde, wenn sie könnte“, „Die Gehörnten Londons“, „Die provozierte Ehefrau“. Damals traten zum ersten Mal Frauen als Schauspielerinnen auf, und 1669 wurde das erste Theaterstück einer Frau aufgeführt, Frances Boothbys „Marcelia“.

          1670 hatte Behns erste Komödie Premiere, „Die erzwungene Heirat“. Um arrangierte Ehen drehten sich ihre Stücke gern. „Einen Handel machen, um eine Frau zu bekommen“ – diese Zeile aus „The Town-Fopp“ (Der Stadt-Geck) von 1676 schließt die Logik der Ehe aus Vermögensrücksichten mit der Prostitution zusammen. Mittels Freundinnen, Gefährten und Dienern werden die geplanten Ehen in den Stücken dann rearrangiert, damit das Verlangen mancher – niemals aller – zu seinem Recht kommt. Mitunter maskieren sich dazu die Adelsfräulein als Dirnen, als Männer, als Abgesandte vom Mond.

          Kein Geschlechtsstereotyp wird ausgelassen, und keines bleibt intakt. In „Abdelazer oder Die Rache des Mauren“, ihrer einzigen Tragödie, lässt Behn den Sohn eines afrikanischen Kriegsgegners des spanischen Königs eine Affäre mit dessen lüsterner Gattin haben, die daraufhin gemeinsam mit ihm den Ehemann vergiftet. Sein Nachfolger wiederum ist in die Gattin des muslimischen Prinzen verliebt und wehrt darum die Bestrafung der Giftmörder ab, was aber nur zu weiteren Attentaten, Verrätereien und Verwechslungen führt, an deren Ende fast alle Beteiligten tot sind.

          Am wildesten geht es in „The Rover“ zu

          Mindestens so wunderlich ist Behns letztes Drama, „Der Kaiser vom Mond“, eine Farce im Stil der Commedia dell’arte. Darin beschäftigt sich ein neapolitanischer Gelehrter sein Lebtag lang mit dem Mond und glaubt, dass dieser eine zweite bevölkerte Welt ist, mit einem eigenen Königreich. Weil er sie für eine höhere Welt hält, verweigert er seiner Tochter und ihrer Cousine die Heirat mit den bloß irdischen Neffen des Vizekönigs von Neapel. Zwei Diener mit eigenen Liebesinteressen komplizieren die Versuche, diese Heiraten doch noch zustande zu bringen. Man überrascht einander in falschen Momenten, stellt sich verrückt, um es zu erklären, maskiert sich als Bauer oder Apotheker, versteckt sich, mitten im Liebesspiel erwischt, in Wandteppichen, die genauso farbig sind wie das Personal.

          Am wildesten aber geht es in Behns erfolgreichstem Stück „The Rover“ (Der Wanderer) von 1677 zu, das wir dem Spielplan besonders empfehlen. Es zeigt die Gegenwehr zweier junger Frauen gegen die ihnen väterlich und brüderlich angewiesenen Rollen: Ehefrau eines alten Mannes, alternativ Ehefrau eines Kumpels und Nonne. Beide stürzen sich mitsamt einer Kusine in den Karneval Venedigs und kommen weniger jungfräulich daraus zurück.

          Ständige Kostüm- und Geschlechtswechsel, Duelle, Scheintode samt Verhaftungen, Stürze durch Falltüren und einige Verhandlungen mit Kurtisanen – und niemand weiß mehr, wer was ist und wer welche Maske trägt. Der Held bittet gleich drei Frauen, ihm zu Willen zu sein, mal, weil er betrunken ist, mal, weil er sie miteinander verwechselt, mal einfach so. Mit einer verhandelt er darüber, ob sie ihn auch auf Kredit mit aufs Zimmer nimmt. Vom höfischen Ideal des Gentleman, von den Kavalieren und ihrem Selbstbild bleibt wenig übrig, auch wenn sie am Ende bekommen, was sie wollen.

          Der Mann als Verführer? Da konnte Aphra Behn nur lachen. In deutschen Theatern konnte seit mehr als dreihundert Jahren niemand mitlachen. Bis auf den „Kaiser vom Mond“, den ein Liebhaber einmal übersetzt hat, existieren nicht einmal deutsche Fassungen ihrer Stücke. Es ist höchste Zeit, diesen dramatischen Irrtum zu beenden.

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