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Andrea Breth wird siebzig : Friedrich Schiller hat ihr einen Brief geschrieben

  • -Aktualisiert am

Ihre Figuren sind meist Einsamkeitsgiganten, denen sie auf unnachahmliche Weise geheime Schmerzenswunder ablauscht: Die Theaterregisseurin Andrea Breth bei einer Probe in Salzburg. Bild: Ruth Walz

Wer wissen will, was Theater kann und wie hoch hinauf es reicht, findet in ihren Inszenierungen sein Glück: Andrea Breth, die überragende Liebhaberin der dramatischen Dichter, wird siebzig Jahre alt.

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          Ihre Berufung wie ihr Glücksfluch ist: Größe. Erstens liebt sie Großes. Zweitens wagt sie Großes. Deshalb ist – drittens – Andrea Breth fürs gerade gängige Theater schon zu groß. Denn sie ragt – Zadek, Grüber, Bondy, Brook und Chéreau sind leider nicht mehr am Leben – neben Peter Stein als glanzvolles Restmitglied der einstigen europäisch humanen Welttheater-Genie-Phalanx weit hinaus über die G’schaftlhuber-Szene des deutschen Theaters als dramenloser, dafür schrei- und moralinsatter aktivistischer Aktual-Modenanstalt.

          Andrea Breths Theater fiel freilich schon immer irgendwie aus der Zeit. Denn es schafft nie gesehene Freiräume: fürs Unerhörte. Kein dramatisches Liebespaar zum Beispiel redet ja so viel von Liebe wie Schillers Ferdinand und Luise in „Kabale und Liebe“, liest sie sich gegenseitig aus schönen Büchern vor, die man auswendig gelernt hat: Liebes- als Lesekunst. Die beiden treffen sich denn auch nie – außer in Worten. Aber dann betraten sie im Dezember 1984 die Bühne des Freiburger Stadttheaters, nahmen sich bei den Händen, setzten an zu unendlich langsam ausgekosteten Schwüngen und glitten durch ein hohes, scheinbar leeres Bühnenbild Gisbert Jäkels, dessen Wände hie und da labyrinthische Nischen freigaben, dahin wie Eiskunstläufer, begleitet vom langsamen Satz aus Mozarts „Jupiter“-Sinfonie. Ohne aber dass es ihnen ihre schöne, große, wilde Sprache verschlug. So wirkten die beiden ganz von Schiller und ganz von heute. Als würden sie gerade eben erst erfunden.

          Die junge Regisseurin, aus dem Allgäu gebürtig, in Darmstadt aufgewachsen und literarisch sozialisiert, hatte damals nach einem abgebrochenen Anglistik- und Germanistik-Studium in Heidelberg, wo sie sich dann hospitierend lieber dem dortigen Stadttheater in die Arme warf, nach Regieassistenzen und Regieanfängen in Bremen eine krachende Niederlage und einen Triumph hinter sich. Die Niederlage in Form einer inszenatorischen Überhebung mit einer „Emilia Galotti“ in der Berliner Freien Volksbühne. Den Triumph mit der Einladung ihrer Freiburger Inszenierung von „Bernarda Albas Haus“ zum Berliner Theatertreffen. Sie fiel früh auf. Und es fiel auf, dass sie nicht in den theatralischen Hauptstrom passte. Denn wo das Regisseurstheater von damals sich gerade in den letzten Delirien einer kollektiven Eiszeit erging, bewies die Jungregisseurin, um einen Schiller von innen, nicht von außen ringend, dass Luise und Ferdinand nicht auch noch mal in die allgemeine Eiszeit zu passen hatten – sondern dass Eis und Kälte ihr ganz besonderer, eigener großer Besitz waren. Nicht ihr kleines Klischee.

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          Es war denn auch eine kuriose Wiedersehensfreude, als fast dreißig Jahre später im Schauspiel Frankfurt Ibsens tragikomische Seelenfrost-Schwestern Ella und Gunhild über der Leiche des in Schnee und Eis erfrorenen John Gabriel Borkman eben nicht sich die Hände zur Versöhnung reichten (John Gabriel hatte die geliebte Ella an einen Börsenhai verscherbelt und die ungeliebte Gunhild geheiratet). Vielmehr krabbelten die beiden mit dem spukenden Toten als groteske, insektenartige Wesen in einer plötzlich aus dem Salonboden aufbrechenden Eis- und Mondlandschaft herum. Urkomisch anzuschauen, urmenschlich mitzufühlen. So schien es, als habe Andrea Breth die Geschichte von Luise und Ferdinand einfach weitergedichtet – in einer anderen Dramenwelt. Und es war auch so, als habe Ibsen der Regisseurin einen Brief geschrieben, in dem er ihr seine gar nicht mal so heimlichen Figurenwünsche offenbarte. Die sie peinlich genau beim Wort nahm: Indem sie dem Dichter die Worte nahm. Ihn so aber erst richtig zum Sprechen brachte.

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