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Theaterregisseure in der Krise : Großes Vakuum

Vermisst einen „wahnsinnigen Bürgeraufstand“: Regisseur Frank Castorf Bild: dpa

Geschlossene Theater, verschobene Aufführungen: Die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung der Pandemie ändern für Kulturschaffende viel. Was tun die Theaterregisseure jetzt?

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          Wo sind eigentlich die Dramatiker in diesen Zeiten? Na ja, wo werden sie schon sein. In der Kummerecke natürlich: ungespielt, ungelesen, unbeachtet. Woher sollte da die Zuversicht kommen, die nötig wäre, um der Krise etwas entgegenzusetzen? Wenn er die Worte nur hinschreibe, so bekannte der Theaterautor und Lyriker Albert Ostermaier vor wenigen Tagen, so fehle ihm schon der Glaube daran: Die Zukunft des Theaters – was könne das sein in diesen Zeiten? Aber Ostermaier stellte die Frage gerade nicht, um Trübsal zu blasen, sondern, um anzuregen.

          Angesichts von drastischen Einschränkungen wie etwa Abstandsregelungen auf den Bühnen geht Ostermaier tatsächlich bis zum Äußersten: Er fordert die Phantasie aller am Theater Beteiligten heraus. Seine Grundüberzeugungen sind schlicht, aber nicht zu widerlegen: „Theater ist Menschsein“, und: „Jeder Zuschauer zählt.“

          Ähnlich entschieden äußert sich Julia Wissert. Die neue Intendantin des Schauspiels Dortmund tritt ihr Amt zur nächsten Spielzeit unter denkbar ungünstigen Umständen an, gibt sich aber kämpferisch: „Wir haben ein Ensemble hier, und das wird spielen.“ Was soll das heißen? Wohl vor allem dies: Wir werden bereit sein, wenn es so weit ist. Auch wenn niemand weiß, wann das sein wird. Bis dahin leben wir natürlich weiter in einer digital immer besser vernetzten und nach wie vor arbeitsteiligen Gesellschaft: Die einen leiden, die anderen klagen.

          Beleidigte bürgerliche Erziehung

          Werfen wir also einen Blick in die besser ausgepolsterten Bezirke der Kummerecke. Hier lagert neben Claus Peymann und anderen auch Frank Castorf, der vor einigen Wochen kundtat, dass er den „wahnsinnigen Bürgeraufstand“ vermisse, der sich Ende der sechziger Jahre an der Notstandsgesetzgebung entzündete. Mittlerweile, der Mann hat ja immer noch Einfluss, sind einige unserer Mitbürger dem Regisseur in Sachen Bürgerwahnsinn ein Stückchen entgegengekommen. Bleibt allerdings noch Castorfs tiefverwurzelte Abneigung gegen Angela Merkels Aufforderung, sich öfter die Hände zu waschen: „Das beleidigt meine bürgerliche Erziehung.“ Man sieht es direkt vor sich, das kleine blasse Bürgerherz des Volksbühnen-Veteranen: von Corona auf Pandemie-Linie gebürstet, gewaschen und geschunden.

          Ähnlich aufrührerisch ungekämmt gab sich jetzt auch Martin Kušej, der Intendant des Wiener Burgtheaters, als er sich einerseits auf seinen „Hausverstand“ berief, andererseits aber verlangte, es dürfe in einem freien, kreativen Prozess „keine Limits geben – man schneidet an der Seele unseres Schaffens herum, wenn man auf der Bühne ,Sicherheitsabstand‘ verordnet“. Man muss nicht unbedingt die Parallele zu den allmachtsseligen Altmännergesten des Regietheaters ziehen, denn die Frage drängt sich ohnehin auf: Was tun berühmte Theaterregisseure, wenn sie gerade keine Dramen inszenieren dürfen? Sie dramatisieren die kleine Rolle, die sie im großen Vakuum spielen müssen.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

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