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Theaterpremieren in München : Von der unendlichen Vereinzelung des Menschen

  • -Aktualisiert am

Tür auf für ein vergessenes Volksstück: Robert Dölle in „Der starke Stamm“ Bild: Sandra Then

Zwei Münchner Premieren rufen die spannungsreiche Verbindung von Marieluise Fleißer und Bertolt Brecht in Erinnerung: „Der starke Stamm“ und „Im Dickicht der Städte“.

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          Es klingt wie eine späte Wiedergutmachung, wenn auch mit bittersüßem Beigeschmack: Fünf Jahre wartet Marieluise Fleißer schon auf die Uraufführung von „Der starke Stamm“ (F.A.Z. vom 26.August 2019), da vermittelt der aus dem Exil zurückgekehrte Bertolt Brecht das Stück 1950 an die Münchner Kammerspiele. Fleißer und Brecht kennen einander aus jungen Jahren. Sie hat im Herbst 1922 sein gefeiertes Debüt „Trommeln in der Nacht“ in den Kammerspielen gesehen; den Kontakt kann sie schließlich über Lion Feuchtwanger knüpfen. Er hat gerade die Absetzung seines dritten Dramas „Im Dickicht der Städte“ infolge radikal rechter Tumulte im Residenztheater erlebt; einer Affäre mit der zwei Jahre jüngeren Theaterwissenschaftsstudentin aus Ingolstadt ist er nicht abgeneigt. Zudem produziert er sich als Ko-Regisseur ihrer Werke.

          Aus Geldnot kehrt die Fleißer schon 1932 in die konservative Enge ihrer Heimat zurück, leidend unter Schreibverboten, die ihr zuerst ihr Ehemann, dann die Nationalsozialisten auferlegen. Dass sie in den letzten Kriegsjahren ihre eigene Familiengeschichte noch einmal in einer „Satirischen Komödie“ aufarbeitet, passt in die unbeständige Biographie einer Frau, die ihre Emanzipation nicht konsequent leben kann. Ihr „Starker Stamm“ ist ein starkes Stück – doch Fleißer braucht Brecht, um es ans Theater zu bringen. Der organisiert Hans Schweikart als Regisseur, und Therese Giehse, eben noch seine „Mutter Courage“, soll nun als Balbina auftrumpfen.

          Das Leben in den Ring werfen

          Die spannungsreiche Verbindung zwischen Marieluise Fleißer und Bertolt Brecht – zwei Münchner Premieren binnen dreier Tage rufen sie 2020 in Erinnerung. Die Häuser haben getauscht: „Der starke Stamm“ steht nun im Residenztheater in einer Inszenierung von Julia Hölscher, „Im Dickicht der Städte“ an den Kammerspielen in einer Bearbeitung durch den Regisseur Christopher Rüping auf der Bühne. Beide Dramen werfen das Leben selbst in den Ring. Bei Fleißer ist schon vorher klar, an wen die Runde geht: an die Lotterie der Geburt. Da niemand aus seiner Haut kann, herrschen Gier, Geiz und Boshaftigkeit in aufrichtigster Verlogenheit. Bis der Harley-Gott von Rottenegg dem grantigen Glücksspiel ein hämisches Ende bereitet: Als reicher Onkel, Fleißers zweifelhafter Deus ex machina, steigt im Residenztheater Arnulf Schumacher von einer stinkenden Höllenmaschine und bittet Bitterwolfs Junior zum Kunststudium nach München.

          Es ist der leere Griff nach den Sternen, der Fleißers Volksstück in der Zeit des Wiederaufbaus zur „Satirischen Komödie“ macht: Sattlermeister Bitterwolf ergibt sich stoisch dem Schicksal seines Arbeitermilieus. Die junge Magd Annerl mag sich vom Patriarchat nicht lösen und setzt darum auf den Falschen. Bitterwolfs Schwägerin Balbina gelingt es, mit ihrem Wallfahrtsschwindel Geld zu machen. Schließlich darf der Alleinerbe Hubert die Bergwerksschufterei gegen die schönen Künste tauschen. Wenn zu Beginn Bitterwolf das riesige Scheunentor von Bühnenbildner Paul Zoller aufstemmt, hinter dem, zwielichtig illuminiert, der Platzregen dampft. Wenn die Blasmusik im hundertminütigen Verlauf des Abends zunehmend an Harmonie verliert. Wenn Robert Dölle mit festem Stand auf den abschüssigen Dielen, die des Sattlermeisters Welt bedeuten, vor sich hinstarrt oder schadenfroh in sich hineinschmunzelt und die knappen, satten Sätze Fleißers in ihrem harten Kunstdialekt herzhaft ausspuckt. Wenn es Johannes Nussbaums Hubert schier zerreißt vor unterdrückter Rebellion gegen die soziale Ungerechtigkeit. Dann sind das intensive Zeichnungen, die berühren.

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