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Theaterpremiere in Zürich : Wer unter den Sternen Wurzeln schlägt

  • -Aktualisiert am

Blick auf das wunderschöne butlersche Blumenschlachtfeld Bild: Philip Frowein/Cristiano Remo

Was passiert, wenn wir auf der grünen Schleimspur Zeit ausrutschen? Spekulative Szenen aus Octavia-E.-Butler-Romanen am Zürcher Theater Neumarkt.

          4 Min.

          „Earthseed“, Erdensaat, nennt sich der Kultus, dem das Zürcher Theater am Neumarkt augenblicklich eine Bühne gibt. Dort, wo er herstammt, in Octavia E. Butlers Romanen „Parable of the Sower“ (1993) und „Parable of the Talents“ (1998), steht er für die Erkenntnis, dass sich die Menschheit immer noch im Stadium der Kindheit befindet. Noch seien wir nur Saatgut; erwachsen zu werden aber heiße, zu wurzeln – im All. Am Ende von Butlers zweiter Parabel, im Jahr 2090, beginnt dieser Prozess: Die ersten Shuttles verlassen die Erde, das Raumschiff gen Alpha Centauri wartet – und bald wird dann das Schiff folgen, das die Asche der „Earthseed“-Gründerin Lauren Oya Olamina mit sich führt – als Dünger für die Pflanzen der Besatzung. Jene Engführung von extraterrestrischer und vegetativer Verwandlung des Menschen beherrscht auch die Szene von „Star Magnolia“ – wie sich die Zürcher Produktion unter der Regie von Jeremy Nedd konsequent in der Koppelung beider Vorstellungswelten benannt hat. Nicht nur Olaminas Überreste, auch das Vermächtnis Butlers bildet den Humus, aus dem die „Interstellarnovella“ wachsen soll.

          Schaum aus einem Bunsenbrenner

          Fraglos inspiriert von Trumbulls „Silent Running“, widmet sich die Crew der Pflege ihrer Beete, während im Hintergrund riesenhafte Baumwesen der terrestrischen Spezies zuraunen, sie, die Alten, wüssten, wo wir herkämen. Unversehens hat sich da schon ein sprachloses Pflanzenwesen unter die Mannschaft gemischt. Kurzum: Wo der Terrazentrismus endet, beginnt die Verwandlung ins Gewächs. Sie beginnt in der Sprache. Die Zeit, so halluziniert ein Crewmitglied, erscheine ihm „green and floaty“; und ebenso grün und wabernd ergießt sich alsbald der Schaum aus einem Bunsenbrenner, in dem Phosphor, Wasserstoff, Kalium und Hefe aufeinandertreffen, über die Setzlinge. Grün und wabernd wird sich gegen Ende des Stücks auch ein überdimensioniertes Laken über zwei Kosmonautinnen legen und mit ihnen verschwinden, um sie schließlich verwandelt wieder auszuspucken. Es sind die ideologischen Rudimente, die „Star Magnolia“ durchaus einen gewissen Charme verleihen. Genommen wird er der Inszenierung leider allzu rasch wieder durch das falsche Pathos der Raumfahrtalltäglichkeit, durch bemühte Wohngemeinschaftsdialoge und vor allem durch sehnsuchtstrunkene Facetime-Telefonate mit zurückgebliebenen Freunden. Die Virtualisierung des Privaten, das überall mit hinreisen kann, ist ein Symptom der kolonialistischen Weltraumfiktion des 21. Jahrhunderts und läuft dem, was Butlers Romane an Reflexion unterbreiten, diametral entgegen. Getragen werden jene gerade von der Überzeugung, dass Befreiung einhergeht mit einer radikalen Reduktion von Simulation und „Als-ob“-Ausflüchten. Als die vielleicht ambitionierteste Vertreterin eines literarischen Afrofuturismus teilt Butler mit diesem – etwa mit dem in den Neunzigern ebenfalls pulsierenden Detroit-Techno-Projekt „Drexciya“ – die Passion für Mythen der Leiblichkeit, für Zeugungs-, Geburts- und Evolutionsphantasien.

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