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Theaterpremiere in Moskau : Menschen waren für ihn nur Schachfiguren

Szene aus dem Stück „„Der wunderbare Georgier“ am Moskauer Gorki-Theater Bild: Gorki-Theater Moskau

Akrobatisch-erotische Kampftänze im Angesicht schwerster Verbrechen: Das Moskauer Gorki-Theater zeigt „Der wunderbare Georgier“ über den jungen Stalin.

          3 Min.

          Das Moskauer Gorki-Theater, bisher bekannt für Musicals und Herzschmerzkomödien, gibt unter seinem künstlerischen Leiter Eduard Bojakow eine Vorstellung von einer neuen staatstragenden Dramenästhetik. Bojakow, der sich zu Beginn des Jahrtausends als Avantgardist verstand, Patriot wurde und den faschistoiden Schriftsteller Sachar Prilepin zu seinem Stellvertreter am Theater machte, möchte die russischen Bühnen von dem, was er als die Herrschaft manierierter Schwuler, schriller, einsamer Frauen und unreifer Dissidenten ansieht, befreien. Am Gorki-Theater laufen daher jetzt Stücke über den Premierminister des letzten Zaren, Pjotr Stolypin, über den Märtyrertod Nikolais II. und seiner Familie, aber auch über russische Heilige.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Nun spielt das Haus zudem eine Avantgarderolle bei der Rehabilitierung von Stalin, indem es die Premiere des Dramas „Der wunderbare Georgier“ über die revolutionären Anfänge des Sowjetdiktators herausbrachte. Vor Vorstellungsbeginn tritt Bojakow vors Publikum und erklärt, Stalin müsse vermehrt Thema von Filmen und Bühnenwerken werden, weil unter seiner Herrschaft Sowjetrussland eine einzigartige Macht, Ausdehnung und Zivilisationsleistung errungen habe. Bojakow, ein bekennender orthodoxer Christ, hatte zuvor eine „ambivalente Einstellung“ gegenüber dem Diktator bekundet, weil der seine Kirche verfolgt habe, äußerte jedoch kein Bedauern über dessen Massenmorde.

          Charakter des Völkervaters

          Den Text für den Zwei-Stunden-Abend hat Andrej Nasarow verfasst, ein leitendes Mitglied von Russlands Militärhistorischer Gesellschaft, die auf Ukas von Präsident Putin 2012 gegründet wurde. Er behandelt die Zeit um 1901, als der 23 Jahre alte Iosif Dschugaschwili, der aus Tiflis geflohen war, illegal in der Schwarzmeer-Hafenstadt Batumi lebte, wo es ihm gelang, Arbeiter in verschwörerischen Zellen zu organisieren. Der Titel geht auf einen Ausdruck Lenins zurück, der sich aus der Emigration bei Gorki nach dem Namen des talentierten Parteimitglieds im Transkaukasus erkundigte. Das Drama nehme den Charakter des zukünftigen „Völkervaters“ auseinander wie ein Uhrwerk, um seine spätere Rachsucht und Härte verständlich zu machen, hatte Bojakow angekündigt. Freilich, was die Regisseurin Renata Sotiriadi auf die Bühne bringt, ist eher ein abenteuerlich-romantisch-trashiges Musical, das vor allem von feurigen georgischen Tänzen und Gesängen getragen wird.

          Was hier leuchtet sind nicht die Gesichter, sondern nur der Kronleuchter
          Was hier leuchtet sind nicht die Gesichter, sondern nur der Kronleuchter : Bild: Gorki-Theater Moskau

          Der Vorspann versetzt mit einer mit Plakatlosungen behängten Bühne in die Zwanzigerjahre, Bolschewiken, die sich wie Maschinenteilchen bewegen, fragen, wie sie nach dem Tod von Revolutionsführer Lenin weitermachen sollen, und dessen Witwe Nadeschda Krupskaja erinnert daran, dass der Verstorbene vor Stalin gewarnt habe, weil er für den Posten des Generalsekretärs zu grob und rücksichtslos sei. Als Antwort tritt der drahtige Georgi Iobadse in Kostüm und Maske des reifen, Pfeife rauchenden Stalin an die Rampe und empfiehlt, in die Zukunft zu schauen. Auch die anmutige Elvira Zymbal in der Rolle seiner zweiten Frau Nadeschda Allilujewa, die ihn 1918 im Alter von siebzehn heiratete (und sich nach einem Streit mit ihm 1932 erschoss), versucht, ihn zur Rückkehr in den Kaukasus zu bewegen, wo er nicht als grob, sondern als „Held“ gelte – Trommelwirbel erklingen, und die beiden legen auf einem Sofa einen akrobatisch-erotischen Kampftanz hin – umsonst.

          Explosive Lesginka-Tänze

          Nun verwandelt sich Iobadse in den jugendlichen Revolutionär, der Marx zitiert, aber auch Gedichte verfasst hat und damit der Tochter des Arbeiterpatriarchen, der ihm Unterschlupf gewährt, den Kopf verdreht. Die rebellischen Werktätigen von Batumi empfehlen sich bei Sotiriadi durch kernige traditionelle Kostüme, archaische Trinkzeremonien, prächtige polyphone Gesänge, vor allem aber explosive Lesginka-Tänze mit phänomenaler Beinarbeit und Sprungkraft, die die Männer auch als exzellente Nahkämpfer ausweist. Welch ein Kontrast zum pompösen Polizeichef, zum dicklichen Generalgouverneur und den zeitweise englisch parlierenden Investoren der Rothschild-Ölraffinerie, die sich mit der perlenbehängten Salonsängerin Bella Chantal amüsieren, für deren Partie die populäre Fernsehmoderatorin Olga Busowa engagiert wurde. Immer wieder intoniert die absolut unmusikalische Busowa in Abendrobe oder Negligé Schmachtlieder im selbstverliebten Walzertakt, ohne je eine Note zu treffen, womit sie Gelächter im Saal hervorruft, aber auch Verzweiflung bei Schauspielern und Regisseuren, von denen einige nicht länger am Gorki-Theater arbeiten wollen. Dass Bella Chantal am Ende Soso, wie Stalin in dieser Lebensphase genannt wird, vor seinen staatlichen Häschern warnt, charakterisiert sie freilich als geheime Sympathisantin.

          Iobadse gibt seinen Helden als reaktionsschnellen Kämpfer, der sich im kriminellen Milieu bewegt wie ein Fisch im Wasser, keine Angst hat vor Messern und Pistolen und schon mal im Alleingang sechs ihn angreifende Schmuggler überwältigt. Er denkt voraus, organisiert, als das Rothschild-Werk brennt, einen Löscheinsatz der Arbeiter und dann, als sie erwartungsgemäß nicht bezahlt, sondern entlassen werden, einen Streik. Doch er opfert Menschen wie Schachfiguren, etwa die Arbeiterfamilie, die ihn versteckt, nimmt an risikoreichen Kundgebungen selbst nicht teil, was eine Kritikerin an den jetzigen Kremlherrscher erinnerte. Nach einem Zwischenspiel, worin Rockmusiker lautstark die vom Sowjetprojekt mobilisierten Energien beschwören, kommt die Apotheose: Iobadse tritt wieder als Stalin vors Publikum, um zuzugeben, dass er grob sei. Und fordert, während im Saal das Licht angeht, die „Genossen“ auf, über seinen Verbleib auf dem Posten des Generalsekretärs abzustimmen – als Antwort erklingt Applaus, ein Pressefotograf hat sich sogar ein Stalin-T-Shirt angezogen. Es gibt in Moskau keine Grenze, die nicht überschritten wird.

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